Zwölfeinhalb Stunden in Frankfurt Bahn fahren: Ein Selbstversuch

Was haben London, New York, München und Berlin gemeinsam? Für jede dieser Städte verzeichnet das Guinness-Buch der Rekorde den Rekord, in der kürzesten Zeit zu allen U-Bahn-Stationen der jeweiligen Stadt zu reisen. Besonders heiß umkämpft ist der Rekord in London. Dort nennt man ihn „Tube Challenge“. Die derzeitige Bestzeit für die Tube Challenge liegt bei 15 Stunden 45 Minuten. Alleine Geoff Marshall hat 27 Tube Challenges absolviert, viele davon mit Videos dokumentiert, und zwei Mal den Weltrekord gehalten.

Ein weiteres seiner Projekte ist All The Stations, sein erfolgreicher Versuch, zu allen 2563 Eisenbahnstationen in Großbritannien zu reisen. Mit jedem Video fand ich die Idee, auch einmal so etwas zu machen, interessanter. Aber Deutschland hat über 6000 Bahnhöfe und auch nach London, New York, oder Berlin zu reisen kam neben dem Studium nicht in Frage. Aber warum denn in die Ferne schweifen? Schließlich hat ja auch Frankfurt eine U-Bahn. Die hat zwar „nur“ 86 Bahnhöfe, aber es gibt ja auch noch die Straßenbahn. Zusammen mit ihren 128 Haltestellen ist das schon eine ernst zu nehmende Herausforderung.

Die Spielregeln

Als ich beschlossen hatte, dass ich dieses Projekt in Angriff nehmen wollte, waren noch viele Details zu klären. Ich habe beschlossen, mich an den Regeln, die auch bei den Weltrekorden gelten, zu orientieren:

  • Eine Station zählt als besucht, wenn man sich in einem Zug befindet, der an dieser Station hält. Man muss nicht ein- oder aussteigen – das würde die Reise natürlich um ein Vielfaches verlängern.
  • Man darf auch andere Verkehrsmittel benutzen, um von Station zu Station zu kommen. Das gilt allerdings nur für öffentliche Verkehrsmittel, in Frankfurt also die S-Bahn und den Bus. Auch Laufen ist natürlich erlaubt. Damit eine Station als besucht zählt, muss man aber mit der U- oder Straßenbahn ankommen oder abfahren.
Heilbronner Straße: Neun Linien halten hier und doch ist die Station für meine Reise irrelevant

Bleibt noch eine Frage: Was ist eine Station? Ich habe die einfachste Annahme getroffen: Eine Station ist alles, was auf dem Netzplan verzeichnet ist. Ohne diese Einschränkung tatsächlich alle Stationen an einem Tag zu besuchen, dürfte vollkommen unmöglich sein. Am Westbahnhof gibt es zum Beispiel eine Straßenbahnhaltestelle, die aber nur für Umleitungen benutzt wird. Das gleiche gilt für die Station Pforzheimer Straße. Hauptbahnhof Südseite und Heilbronner Straße werden andererseits planmäßig von Straßenbahnen angefahren. Dabei handelt es sich aber nur um Züge vom und zum Betriebshof Gutleut. Diese Züge fahren fast nur am sehr frühen Morgen und sehr späten Abend. All diese Haltestellen sind auf dem Liniennetzplan gar nicht eingezeichnet, also konnte ich sie getrost ignorieren.

Ein weiteres Problem: Bauarbeiten. Irgendwo im Netz wird immer gebaut, also wird auch fast immer irgendeine Station nicht bedient. Als ich meine Reise angetreten habe, fuhr die 16 nicht zwischen Oberrad Balduinstraße und Offenbach; außerdem war die U-Bahn-Station Dom/Römer für Brandschutzarbeiten gesperrt. Auch dadurch fehlen mir also einige Stationen.

Letzten Endes war meine To-Do-Liste 203 Stationen lang. Dabei zählen Stationen wie Festhalle/Messe, die von Straßenbahn und U-Bahn angefahren werden, nur einfach. Trotzdem hatte ich mir selbst die Vorgabe gesetzt, solche Stationen mit beiden Verkehrsmitteln zu besuchen.

Meine Route

Mit einem Leuchttisch konnte ich die Strecke vom Netzplan durchpausen

Der nächste Schritt war, die beste Route zu finden. Aber was ist denn nun die beste Route? Sollte man mehr Umstiege in Kauf nehmen, um weniger Stationen doppelt zu besuchen? Ist eine Busfahrt mehr schlimmer als fünf doppelt besuchte Haltestellen? Man muss immer zwischen unterschiedlichen Nachteilen auswählen…

Ich habe unzählige Versionen der Route über den Liniennetzplan gezeichnet. Mit dem Gesamtlinienplan konnte ich Buslinien finden, mit dem DB Navigator Fahrzeiten und Verbindungen verglichen.

Besonders viel Kopfzerbrechen bereiteten mir Fechenheim und Bornheim. Mit der 11, 12, 14, U4, U6 und U7 fahren dort schlichtweg zu viele verschiedene Linien, dass viele doppelte Haltestellen kaum zu vermeiden sind. Ich habe mehrmals versucht, diesen Teil der Strecke zu vereinfachen. Meistens war ich sehr zufrieden damit, bevor mir wieder einfiel, dass die 12 nur in Fahrtrichtung Fechenheim an der Hartmann-Ibach-Straße hält. Auch die U-Bahn-Station Ostbahnhof habe ich mehrmals übersehen.

 

Die Reise

Am 20. Februar 2018 war es dann so weit. Um 7:03 bin ich in Oberursel Hohemark mit der U3 losgefahren.

Der erste Zug – Die U3 von Oberursel um 7:03

Von Oberursel führte mein Weg nach mit der U3 nach Heddernheim, in der U2 nach Bad Homburg und mit U2 und U9 über den Riedberg zum Nordwestzentrum.

Nach einer Busfahrt nach Praunheim dann die nächsten Reisen: U6 Heerstraße – Industriehof, U7 Industriehof – Hausen, U7 Hausen – Enkheim, U4 Enkheim – Bockenheimer Warte.

An der Bockenheimer Warte endlich die erste Straßenbahn: Mit der 16 nach Ginnheim, dann die gesamte U1 bis zum Südbahnhof.

Ab der Ankunft am Südbahnhof bin ich fast nur noch Straßenbahn gefahren: Zuerst mit der 16 nach Oberrad Balduinstraße, wieder zurück und weiter bis Adalbert-/Schloßstraße. Beide diese Fahrten, wie der Zufall es so wollte, schon wieder in Wagen 002. Kurz einen Block gelaufen und dann mit der 17 Nauheimer Straße – Rebstockbad. Ich muss sagen, ich habe den 002 seitdem etwas ins Herz geschlossen.

Vom Rebstockbad aus ging es dann mit dem Bus zur Mönchhofstraße, von dort zum Güterplatz und mit der 11 wieder in die Gegenrichtung nach Höchst. In Höchst musste ich noch einmal umsteigen, um die eine Station von der Zuckschwerdtstraße zum Bolongaropalast zu fahren.

Nach einer weiteren Busfahrt war ich in Schwanheim. Die nächsten Fahrten: 12 Rheinlandstraße – Niederräder Landstraße, 15 Niederräder Landstraße – Haardtwaldplatz, Bus Haardtwaldplatz – Stadion, 21 Stadion – Stresemannallee/Gartenstraße.

Von dort aus ging es mit der 17 nach Neu-Isenburg und zurück nach Louisa und dann mit der 14 weiter zum Lokalbahnhof.

Als nächstes einmal Preungesheim und zurück: Hin mit der 18, zurück mit der U5.

Zurück in der Innenstadt dann eine kleine Ehrenrunde: U6 Konstablerwache – Ostbahnhof, 11 Ostbahnhof/Honsellstraße – Allerheiligentor, 14 Allerheiligentor – Ernst-May-Platz.

Nach einem kleinen Fußweg vom Ernst-May-Platz zur Haltestelle Saalburg-/Wittelsbacherallee ging es mit der 12 zur Hugo-Junkers-Straße, um auch „Hugo-Junkers-Straße/Schleife“ besucht zu haben. Diese Haltestelle ist wenig mehr als ein zweites Haltestellenschild am Bahnsteig der Hugo-Junkers-Straße, aber sie ist auf dem Netzplan separat eingezeichnet. Als nächstes Umsteigen in die 11 zur Schießhüttenstraße und direkt wieder zurück bis zur Ostendstraße.

Nach der S-Bahn-Fahrt zum Hauptbahnhof die letzte Fahrt. Wieder mit der 12, Hauptbahnhof/Münchener Straße – Bornheim Mitte.

Meine Zeit am Ende: 12 Stunden und 38 Minuten! Ganz fertig war ich allerdings immer noch nicht, ich musste noch mit der U4 und der S-Bahn nach hause fahren…

Online

Auch die Station Dom/Römer habe ich besucht und auf meinem Blog vorgestellt, bevor sie für Brandschutzarbeiten geschlossen wurde

Ich hatte von vornherein geplant, die Aktion zu dokumentieren, um vielleicht auch jemand anderen zu etwas ähnlichem zu inspirieren. Ich habe keine Erfahrung mit Videobearbeitung, also habe ich stattdessen viele Fotos gemacht. Da ich auch einige erklärende Texte schreiben wollte, fiel meine Wahl darauf, einen Tumblr-Blog zu erstellen. Den Blog finden sie unter stadtbahnchallenge.tumblr.com.

Neben meinen Fotos befinden sich dort auch live während meiner Reise geschriebene Updates. Außerdem hatte ich vor meiner Reise eine kleine Serie der nicht mehr regelmäßig benutzten Stationen geschrieben, um schon vorher ein interessiertes Publikum aufbauen zu können. Und auch jetzt wird der Blog sicher nicht inaktiv bleiben.

Fazit

Wenn sie sich beim Lesen gedacht haben „So etwas sollte ich auch einmal machen“, dann tun sie es! Ich hatte viel Spaß, und ich habe Teile von Frankfurt entdeckt, die ich sonst wahrscheinlich nie gesehen hätte. Es wäre sehr schade gewesen, wenn ich jahrelang in Frankfurt gewohnt hätte, ohne jemals über die wunderschöne Straßenbahnstrecke durch den Wald nach Neu-Isenburg gefahren zu sein. Positiv überrascht war ich auch von den Sitzen in den Zügen – ich hatte nicht erwartet, nach über zwölf Stunden ohne Rückenschmerzen nach Hause zu kommen.

Die erste fehlende Station ist schon geschafft – mit dem Ebbelwei-Expreß am Westbahnhof

Meine Zeit lässt sich sicherlich schlagen. Selbst mit der exakt selben Route könnte man schneller sein. Ich habe zum Beispiel am Stadion vergessen, die Haltewunschtaste im Bus zu drücken. Das allein hat mich mindestens eine Viertelstunde gekostet. Aber auch an der Route könnte man sicher einiges verändern. Unter 12 Stunden sollten machbar sein.

Ich werde es auf jeden Fall noch einmal versuchen, sobald die Straßenbahn wieder durch die Kleyerstraße fährt. Dann kommen schließlich neue Haltestellen dazu, die ich noch nicht abgehakt habe. Auch die Strecke nach Offenbach fehlt mir ja noch. Bis dahin werde ich Stück für Stück die Stationen abhaken, die nicht regelmäßig befahren werden, wenn sich durch Umleitungen die Gelegenheit ergibt. Zum Westbahnhof habe ich es inzwischen mit der Straßenbahn geschafft – im Ebbelwei-Expreß.

Über den Autor

Moritz Krähe, 20, aus Heidelberg, studiert an der Technischen Hochschule Mittelhessen Bahningenieurwesen. Für das Studium ist er in die Nähe von Frankfurt gezogen und wollte nun die ganze Stadt aus der Bahn entdecken. Bei der VGF arbeitet er im Ebbelwei-Expreß als Schaffner.

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1 Kommentar

  1. dies ist nur ein test.

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