Die Bahn mit den zwei Fahrern

Sicher haben Sie sich auch schon gewundert, wenn die U-Bahn oder Straßenbahn in die Haltestelle einfährt und zwei Fahrer statt nur einem Fahrer im Cockpit saßen. Zwei Fahrer? Sie fragen sich das zu Recht, warum braucht man eine Doppelbesetzung?

Ich gebe Ihnen gerne eine Antwort auf diese Frage, denn im heutigen Blog-Artikel dreht sich alles um das Fahren zu zweit. Ich bin selbst seit 3 Jahren als Fahrtrainer mit Lehrlingen unterwegs und helfe ihnen dabei, die Strecke und ihre Eigenheiten genau kennen zu lernen.

Wenn ein Fahrschüler den Hauptteil seiner Fahrschulzeit beendet und drei schriftliche Leistungsnachweise sowie einen praktischen Leistungsnachweis am Zug erbracht hat, darf er zum Fahrtrainer. Man spricht hier von der „Lehrfahrzeit“, also der Zeit zwischen der Fahrschule und dem Abschluss. In diesen 10 Tagen bekommen die Fahrschüler von den erfahrenen Mitarbeitern die nötige Streckenkenntnis beigebracht.

Als Fahrtrainer sind Kollegen ausgewählt, die mindestens drei Jahre bei der VGF im Fahrdienst sind, alle Straßenbahn und U-Bahn Strecken fahren dürfen und über die nötige Erfahrung im Streckennetz verfügen. Dazu gehört eine Portion Einfühlungsvermögen, damit die Nervosität der Fahrschüler nicht zu groß wird und eine gewisse Stressresistenz. Der Straßenverkehr in Frankfurt verlangt jeden Tag nach einem hohen Maß an Konzentration.

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Der Lehrling bekommt seinen Fahrtrainer automatisch zugewiesen und man trifft sich das erste Mal je nach Dienstlage entweder im Betriebshof oder an einer der Ablösestellen unterwegs auf der Strecke. Der Fahrtrainer hat immer ein Kabel dabei, auch die „Nabelschnur“ genannt. Dieses Kabel dient der Sicherheit. Es wird im Cockpit unter dem Fahrpult angeschlossen und löst mit einem Taster am anderen Ende die Schienenbremse aus. Wenn sprichwörtlich Gefahr im Verzug ist, kann der Fahrtrainer so schnell eingreifen und Schlimmeres verhindern. Ich kann sagen, dass die Fahrschüler von ihren Ausbildern über die Gefahren im Straßenverkehr sehr intensiv informiert werden. Eine gesunde Vorsicht und Umsicht schadet nicht und diese ist bei den meisten Lehrlingen gut ausgeprägt.

Die gründlichste Übung schützt uns vor den Gefahren des Alltags auch nicht immer. Der Verkehr auf Frankfurts Straßen ist ziemlich rau. Autofahrer, welche ganz unbewusst vor einem nach links abbiegen, da heißt es bremsbereit sein. Fußgänger haben zwar Augen, nutzen diese aber gelegentlich nicht. Und reagieren erst recht nicht, wenn dazu noch große Kopfhörer oder das Smartphone im Spiel sind. Dann muss man für alle mitschauen und auch mitdenken. Diese Situationen gilt es dem Lehrling zu aufzuzeigen und darauf vorzubereiten. An neuralgischen Kreuzungen und Überwegen, auf denen es öfter gekracht hat, ist immer Vorsicht geboten. Im Straßenbahnbereich sind hier die Mainzer Landstraße, der Hauptbahnhof und die Hanauer Landstraße zu nennen. Unsignalisierte Durchbrüche an denen die Autos links abbiegen können sind auf Straßen und U-Bahn Strecken immer mit Vorsicht zu befahren.

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All das bekommt der Lehrling von seinem Fahrtrainer gezeigt und noch viel mehr: Fahrzeugkunde und das richtige Fahrverhalten, technische Details über die Strecke und Signale, Funkdisziplin mit der Leitstelle, Informationen zu den wichtigsten Stationen und Umsteigemöglichkeiten an Fahrgäste, fahren von Umleitungen, sowie eine Prise Humor, um den Verkehr entspannt zu durchfahren. Hierbei geht es nicht um den pünktlichsten Zug , sondern um den Sichersten. Dabei ist es gut wenn man auch ein paar prüfungsrelevante Szenarien durchspielt und dem Lehrling die Zeit gibt, um selbst Fragen zu stellen. Prüfungsrelevant sind zum Beispiel alle wichtigen Details auf einer Strecke, wie Signale, Weichen und Fahrsperren. In der praktischen Abschlussprüfung muss der Lehrling die vorgegebene Strecke im Kopf haben und die Signale deuten, ohne falsch abzubiegen oder eben einfach in eine Wendeanlage mitten im Tunnel zu fahren. So wird getestet, ob der Lehrling aufmerksam ist und sich konzentrieren kann.

Als Lehrling muss man sich auf die Strecke erst einmal „eingrooven“ und diese kennen lernen. Daher wird jede Strecke in der Lehrfahrzeit zweimal befahren. Zum Beispiel die Linie U 6 und U 7 auf der C-Strecke. Hier hat der Lehrling zwei Dienste auf der U 6 und zwei auf der U 7. Damit hat er viermal die Möglichkeit, die Stammstrecke zwischen Zoo und Industriehof zu befahren und kann sich auf die Tunnelstrecke gut einstellen.

Gerade Lehrlinge die von der Straßenbahn kommen und nun eine Streckenerweiterung im U-Bahn Bereich machen, sind noch vorsichtig unterwegs. Das ist völlig in Ordnung, allerdings fahren wir im Tunnel nach Hauptsignalen und die komplette Strecke wird von dem Kollegen Fahrdienstleiter voreingestellt. Da können die Straßenbahnfahrer auch mal mehr Tempo geben und den U-Bahn Zug auf 60 bis 70 km/h beschleunigen. So schnell können wir durch den Tunnel fahren und das ist auch wichtig. Der Fahrplan der U-Bahn ist dicht getaktet. Ich lasse meine Lehrlinge erstmal machen und schaue mir an, was sie können und wo sie noch Lernbedarf haben.  Ist eine Runde geschafft, dann gebe ich erste Tipps und Hinweise. Schließlich ist auch so eine U-Bahn Strecke immer wieder für Überraschungen gut. Es gibt so genannte Geschwindigkeitsprüfungen, diese wollen erkannt und gemeistert werden. Nützlich sind sie, denn sie regulieren die Einfahrtsgeschwindigkeit in die Stationen. An der Konstablerwache und Hauptbahnhof in Fahrtrichtung Bockenheimer Warte findet man diese Prüfmagnete direkt im Bahnsteigbereich. Fährt man zu schnell über diese Prüfmagnete, wird der Zug abgebremst. Einige Fahrgäste haben das sicher schon erlebt.

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Da in der Fahrschule die Lehrlinge meist maximal 30 Minuten am Tag fahren können, ist es umso wichtiger ihnen jetzt so viel Wissen wie möglich zu vermitteln. Nur durch das selbständige Fahren gewinnt der Lehrling Selbstvertrauen und Sicherheit. Am Ende soll ja nicht der Zug mit dem Lehrling fahren, sondern umgekehrt. Der zukünftige Fahrerkollege soll mit seinem Fahrzeug umgehen können und wissen, was auf der Strecke passiert. Er soll sein Fahrzeug kennen und es zu bedienen wissen. Eine gute Lehrfahrzeit ist hier maßgeblich. Daran erinnert man sich meist noch Jahre später.

Ich persönlich mag es, meine Kenntnisse weiterzugeben und dabei mein Wissen dem Lehrling preiszugeben. Das Wissen aus der Fahrschule kommt auch bei mir an, denn der Lehrling weiß Manches zu berichten, was bei mir selbst wieder in den Hinterkopf gerückt ist. So entsteht ein Austausch zwischen Fahrtrainer und Lehrling und man lernt im optimalen Fall gegenseitig voneinander.

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Die VGF baut die Struktur der Lehrfahrer um und wird diese ab Janaur 2017 als Fahrtrainer bezeichnen. Daher habe ich mich in diesem Artikel auch schon für den neuen Begriff des „Fahrtrainers“ entschieden.  Der Fahrtrainer wird noch enger mit dem Ausbildungszentrum (also der Fahrschule) zusammenarbeiten und sein Wissen kontinuierlich erweitern und auffrischen. Das Ziel ist es, einem Lehrling maximal zwei Fahrtrainer zur Seite zu stellen, auf die er sich konzentrieren kann. Im heutigen System ist es so, dass der Lehrling jeden Tag einen neuen Kollegen an die Seite bekommt. Hier müssen sich beide Seiten immer wieder aufeinander neu einstellen bzw. einfahren. Ich schätze die Weiterbildungen sehr, denn auch ein solides Grundwissen sollte immer wieder aufgefrischt werden. So ist man gerüstet für die zukünftigen Anforderungen bei der VGF.

 

Über den Autor:

Martin Dathe-Schäfer ist 33 Jahre alt, kommt aus Frankfurt am Main, hat ein abgeschlossenes Studium als Kulturjournalist und arbeitet seit 5 Jahren im Fahrdienst der VGF. In seiner Freizeit treibt er gerne Sport, verreist viel und interessiert sich auch privat für das Thema ÖPNV.

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1 Kommentar

  1. Früher hieß das ganz einfach mal „Lehrfahrer“😂😂😂

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