Wer will fleißige Handwerker sehen …

„Gebt mir die Summe, für den Preis mache ich euch vier Aufzüge mit rotem Teppich.“

So lautete ein Kommentar zu einem Beitrag bei Facebook, in dem über die bevorstehende Aufzugsnachrüstung an der Station Eschenheimer Tor berichtet wurde. Der Kommentator bezog sich wohl auf die Aussage, dass sich das Land Hessen mit einer Summe von 835.000 Euro an der Maßnahme beteiligt.

Und da war es wieder, dieses Vorurteil, das nicht nur aus diesem Satz klang, sondern das häufig durch die Köpfe geistert: „Bauen in U-Bahnstationen kostet unendlich viel Geld. Außerdem dauert das immer unglaublich lange Zeit. Das geht doch sicher viel schneller und günstiger. Vermutlich ist da niemand, der sich richtig darum kümmert.“

Doch, es gibt da welche, die sich darum kümmern. Zum Beispiel mich. Als gelernter Architekt und Brandschutzsachverständiger bin ich bei der VGF Projektleiter mit den Schwerpunkten Brandschutz und Aufzugsnachrüstung.

Aufzug Station Miquel-/Adickesallee
Aufzug Station Miquel-/Adickesallee

Und ich würde gerne hier mit diesen Vorurteilen aufräumen.
Lasst es mich anhand eines Beispiels versuchen:

Stellen wir uns einen Geschäftsmann vor, der ein Bauvorhaben auf der grünen Wiese hat. Zum Beispiel ein Gebäude, in dem er zwei Aufzüge einbauen lassen möchte. Er besorgt sich das nötige Geld, sucht sich einen Planer, stellt einen Bauantrag, lässt sich Angebote machen, beauftragt eine Firma, die baut die Aufzüge, es folgt die Abnahme und in kürzester Zeit hat er seine zwei Aufzüge.

„Und?“ fragt ihr euch jetzt, „ist es nicht bei U-Bahnstationen genauso? Wo ist denn das Problem, da ein, zwei Aufzüge einzubauen.“

„Problem ist das sicher keines,“ würde ich antworten, „aber es ist leider nicht so einfach wie Bauen auf der grünen Wiese.“

Finanzierung, Planung, Antrag, Beauftragung, Bauphase, Abnahmen, Inbetriebnahme.

Diese Aufzählung, die für unseren Geschäftsmann gilt, lässt sich sicherlich auch mit dem vergleichen, was auf öffentliche Bauten zutrifft. Dass es bei der Finanzierung und der Beantragung etwas anders und dadurch auch etwas langwieriger läuft, da wir uns im Bereich öffentlicher Haushalte und Antragsverfahren bewegen, darauf will ich jetzt gar nicht eingehen, aber die Bauphase, also die Zeit, in der eine Baumaßnahme in den Fokus der Öffentlichkeit gerät, die möchte ich kurz erläutern.

Warum ist es teurer und dauert länger als das, was mein Geschäftsmann erlebt?

Kommen wir noch einmal kurz zu unserem Bauvorhaben auf der grünen Wiese zurück.

Dort würde das Bauen damit beginnen, dass ein Bauzaun um die Baustelle aufgebaut würde. Im günstigsten Fall würde sogar der Betrieb in dem umzubauenden Gebäude vorübergehend eingestellt oder ausgelagert, um die Baumaßnahme nicht zu behindern. Dann würden die Handwerker anrücken, die in ein, zwei oder drei Schichten – also in täglich 8, 16 oder gar 24 Stunden ihre Arbeit verrichten würden. Und das ganze im Keller, im Erdgeschoss oder in den oberen Stockwerken, je nachdem.

So, und jetzt die U-Bahn.

Bauzaun? Da fängt das Problem schon an. Oben auf der Straße herrscht der Frankfurter Autoverkehr und unten? Da läuft der U-Bahn-Betrieb und das ist nicht wenig. Zwar gibt es auch Baustellenbereiche und Arbeiten in den nicht für den Publikumsverkehr zugänglichen Nebenräumen, aber vieles findet halt auch in den öffentlichen Bereichen statt.

Bauarbeiten Aufzugsnachrüstung Schweizer Platz
Bauarbeiten Aufzugsnachrüstung Schweizer Platz

Einstellung des Betriebs? Na, das wäre es noch, da käme Freude bei den U-Bahn-Nutzern auf.

Arbeiten in ein, zwei oder drei Schichten? Das wäre vermutlich das größte Problem aufgrund des laufenden Bahnbetriebs.

Und da ist ja noch die Lage der Baustelle. Wir befinden uns nicht auf der schon mehrfach bemühten grünen Wiese, sondern in der untersten Etage, teilweise bis zu 20 Meter unterhalb des Straßenniveaus.

Bauarbeiten Aufzugsnachrüstung Miquel-/Adickesallee
Bauarbeiten Aufzugsnachrüstung Miquel-/Adickesallee

Doch jetzt der Reihe nach:

Der laufende Betrieb mit Fahrgastzahlen im dreistelligen Millionenbereich im Jahr steht bei der Planung und der Durchführung von Baumaßnahmen an oberster Stelle. Die Kunden nicht oder nur so geringfügig wie möglich zu beeinträchtigen ist oberste Prämisse. Und das ist nicht einfach bei Maßnahmen, die mitten im Trubel auf den Bahnsteigen und in den Zugängen zu den Stationen zu realisieren sind.

Hierzu finden viele Arbeiten in der betriebsarmen oder gar betriebsfreien Zeit statt. Viele der Tätigkeiten laufen nachts – Arbeiten, die am Stück vielleicht nur ein paar Tage dauern würden, müssen auf viele Nächte über Wochen gestreckt werden. Für die Arbeiter, die nachts ran müssen, ist das nicht einfach. Kaum ist die Baustelle für die Nacht begonnen, muss sie gleich wieder, manches Mal bereits nach zwei oder drei Stunden, bis zur nächsten Nacht unterbrochen werden.

Auch müssen all diese Arbeiten mit dem Betrieb koordiniert werden. Firmen und deren Mitarbeiter sind einzuweisen und zu beaufsichtigen. Bei Arbeiten im Bereich von Gleisen, z.B. auf den Bahnsteigen, kommt es häufig vor, dass der Fahrstrom abzuschalten und vor Beginn der ersten fahrplanmäßigen Fahrten wieder einzuschalten ist. Und das geht nun mal nicht so einfach wie Licht ein- und ausknipsen.

Bauarbeiten Aufzugsnachrüstung Miquel-/Adickesallee
Bauarbeiten Aufzugsnachrüstung Miquel-/Adickesallee

Ein besonderes Kapitel ist der Materialtransport. Jeder einzelne Nagel, jedes Kabel, jede Wand- oder Deckenpaneele, jeder Sack Zement, jeder Kübel mit Beton, einfach jedes Bauteil muss diese vorhin bereits erwähnten bis zu 20 Meter in den Frankfurter Untergrund geschafft werden. Und das nicht einfach über Aufzüge, die wir ja erst bauen oder die, wenn sie schon vorhanden sind, genau wie die Fahrtreppen nicht zum Materialtransport benutzt werden dürfen. Also kann es schon einmal vorkommen bzw. ist es gar die Regel, dass alles mühsam per Hand nach unten befördert werden muss.

Apropos Bauteil. Jedes Bauprodukt wird einer Prüfung unterzogen, ob es zum Einbau in einer U-Bahn-Station geeignet ist. Jeder, der sich schon einmal den Wind, den eine einfahrende U-Bahn verursachen kann, um die Nase hat wehen lassen, kann sich vorstellen, welche Druck- und Soglasten auf Bauteile, die im Bereich der Bahnsteige und Gleise eingebaut werden, einwirken können. Zusätzlich zu den „normalen“ statischen Belastungen, die natürlich auch beim Bauen auf der grünen Wiese zu beachten sind, sind dann genau diese Lastannahmen, die vom Bahnbetrieb ausgehen können, zu berücksichtigen. Und dafür wird jedes Bauteil, jede Befestigung, jede Einbausituation statisch nachgewiesen und zusätzlich nochmals geprüft.

Außerdem gelten wie überall, wo Publikum von Baumaßnahmen beeinträchtigt oder gefährdet werden könnte, besonders strenge Regeln, die beim Bauen zu beachten sind. Jeder Schritt der Baumaßnahme wird daher von Sicherheitsfachleuten und Brandschutzsachverständigen begleitet.

Da wird auch schon mal zu Testzwecken eine U-Bahn-Station in Brand gesteckt.

Brandversuch Station Festhalle / Messe
Brandversuch Station Festhalle / Messe

Bei einem Versuchsaufbau wurde vor einigen Jahren auf dem Bahnsteig der Station Festhalle/Messe mitten in der Nacht ein Brand „gelegt“, der Aufschluss darüber geben sollte (und auch gab), welche Rauch- und Temperaturmelder zur Überwachung der Frankfurter U-Bahnstationen am geeignetsten sind.

Aber zurück zu unserer Baustelle:

Da zu jeder Zeit sichergestellt sein muss, dass immer ausreichend Rettungswegbreiten und -führungen zur Verfügung stehen, werden umfangreiche Konzepte und Stellungnahmen gefertigt, aus denen Rückschlüsse auf Besucherströme und mögliche Brandfallszenarien gezogen werden können. Man kann ja nicht einfach im Zuge einer Baumaßnahme alle verfügbaren Zu- und Durchgänge sperren, auch wenn dies die Baumaßnahme selbst vereinfachen würde.

Rechnergestützte Simulationen zur möglichen Verrauchung und Entfluchtung von Stationen helfen dabei, einzuschätzen, welche Maßnahmen erforderlich sind, im endgültigen Ausbauzustand, aber auch während der Bauphase die größtmögliche Sicherheit der Nutzer zu gewährleisten. Entfluchtung heißt hierbei der Verlauf und die erforderliche Zeit, in der eine Station vollständig geräumt ist.

Um all dies leisten zu können, verfügt die VGF über Teams dutzender qualifizierter externer und interner Mitarbeiter, jeder für sich ein Fachmann oder eine Fachfrau auf seinem bzw. ihrem Gebiet.

Bauarbeiten Aufzugsnachrüstung Miquel-/Adickesallee
Bauarbeiten Aufzugsnachrüstung Miquel-/Adickesallee

Wenn man all die genannten Punkte berücksichtigt und zusammenrechnet und das Bauvorhaben auf der grünen Wiese mit dem im Frankfurter Untergrund vergleicht, dürfte leicht nachzuvollziehen sein, dass bei der U-Bahn unter dem Strich ein vielfaches von dem zusammenkommen kann, was das „normale“ Bauen dauert und kostet. Und das ganz ohne roten Teppich.

Wenn ich diesen Artikel mit einem Facebook-Kommentar begonnen habe, möchte ich ihn auch gerne mit einem solchen Beitrag beenden.

Unter dem eingangs erwähnten Bericht über den geplanten Einbau von Aufzügen in der Station Eschenheimer Tor stand nämlich ein weiterer Kommentar: „Sehr schön zu sehen, wie sich unsere Stadt weiterentwickelt.“

Das ist unser aller Ziel und dem ist nichts hinzuzufügen.

 

 

Über den Autor:

Udo Herkenroth ist 55 Jahre alt, seit 33 Jahren verheiratet und hat einen erwachsenen Sohn. Er pendelt täglich aus dem Westerwald nach Frankfurt am Main und arbeitet bei der VGF als Architekt und Projektleiter im Fachbereich Haltestellen und Gebäude und dort im Fachteam Brandschutz und Projekte.
In seiner Freizeit widmet er sich gemeinsam mit seiner Ehefrau Birgit der Hundezucht. Die beiden teilen ihr Zuhause derzeit mit vier Bobtails aus vier Generationen.
Udo Herkenroth ist 2. Vorsitzender des Deutschen Old English Sheepdog Clubs, in dessen bundesweit erscheinender Clubzeitschrift regelmäßig Veröffentlichungen von ihm zu lesen sind. Außerdem ist er in verschiedenen Internetblogs mit Beiträgen zu den unterschiedlichsten Themen zu finden.

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1 Kommentar

  1. Interessant… sehr schöner Beitrag nett geschrieben

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