Nächste Haltestelle: Heiligabend

Frankfurt, Betriebshof Ost, 7:45 Uhr. Das Wetter eher grau als blau – schade eigentlich. Ich prüfe meinen Zug auf Fahrtüchtigkeit und Sicherheit. Alles in Ordnung. Der Straßenbahnwagen macht beim Starten keine Zicken und ist bereit für den Einsatz im Liniendienst. Kurzer Blick auf das Datum im Taschenkalender: Es ist der 24. Dezember, Heiligabend, naja – noch ist es „Heiligmorgen.“ Gleich werde ich am Steuer der Linie 11 die Menschen in die City bringen, die heute noch händeringend nach dem ein oder anderen Last-Minute-Geschenk für die Liebsten suchen werden. Bis 14 Uhr haben sie dazu noch die Chance, denn so lange haben die Geschäfte heute geöffnet und in der Stadt wird es nochmals voll.

Bevor ich meine Fahrt beginne, gebe ich meine Linie und den passenden Kurs in das Funkgerät ein und melde die Bahn bei der Leitstelle an. Der Kollege wünscht mir eine gute Fahrt und ein frohes Fest. Meine Wünsche bekommt er natürlich auch. Nach Ende des kurzen Gesprächs stelle ich mir das Signal zur Ausfahrt.

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Es kann losgehen. Heute fahre ich mit der Linie 11 die „Tour de Frankfurt“. Die Fahrt von Höchst nach Fechenheim dauert rund 60 Minuten. Inklusive ist nicht nur die kostenlose Sightseeingtour durch Frankfurt, sondern ich darf auch Fahrgäste aus allen Herren Ländern mitnehmen. Gerne wird der 11er auch „Orient-Express“ genannt, denn manchmal riecht es im Inneren nach den verschiedensten exotischen Speisen und Gewürzen, fast wie auf einem Basar. Auch die Wasserhäuschenfreunde kommen entlang dem Linienweg der 11 auf ihre Kosten: Denn dort sind viele „Büdchen“ zu finden, an denen viele meiner Fahrgäste sich gerne mal ihr Feierabend- oder Frühstücks-Bier schmecken lassen. Beinahe schon eine Empfehlung für Frankfurts Touristen wert: „Die Erlebnis Elf.“ Als Fahrer vergeht kaum ein Tag, an dem man nicht irgendetwas Kurioses auf dieser Linie miterlebt.

Bisher ist heute alles ruhig. Meine erste Fahrt führt mich vom Betriebshof direkt nach Fechenheim. Von dort aus starte ich nach kurzer Wende meine erste Fahrt in Richtung Höchst. Der Zug füllt sich so langsam, die Menschen steigen zu und wollen in die City. Meine Fahrt führt mich ab der Haltestelle Mainkur über die Hanauer Landstraße. Auch den Autofahrern merkt man an, dass Weihnachten naht. Sie steuern gezielt die Parkplätze der Supermärkte an, um die Vorräte für die Feiertage nochmal aufzustocken. Wie so oft übersehen sie dabei zunächst meine Bahn und erschrecken sich, sobald die lautstarke Klingel ertönt. An der Haltestelle „Ostbahnhof/Honsellstr“ steigen viele Fahrgäste in die U6 um. Mit ihr gelangen sie direkt zur Konstablerwache auf die Zeil. Für mich geht’s weiter durch das moderne Ostend, vorbei an der im Bau befindlichen „neuen Altstadt“. Aus Erfahrung verhalte ich mich am Überweg der Haltestelle „Römer / Paulskirche“ vorsichtig. Doch viel ist dort nicht los: Der Weihnachtsmarkt ist längst abgebaut und nur noch der Baum steht noch vor dem Römer. Auf dem Paulsplatz vor der Paulskirche stehen noch ein paar verlassene Buden, die auf ihren Abbau warten. Sie werden auch bald verschwunden sein. Weiter geht zum Willy-Brandt-Platz. Dort herrscht gähnende Leere. An Weihnachten wird in den Bankentürmen weniger gearbeitet, doch hier und da entdeckt man ein paar Banker, die ausnahmsweise in legerer Kleidung den Weg zu ihren Büros bestreiten. Auf dem weiteren Linienweg steuere ich ich den 11er durch die Münchener Straße. Diese Straße schläft nie! Aber heute Morgen erwacht auch sie nur langsam nach einer belebten Nacht. Viele Obst und Gemüseläden, türkische Friseure und Imbisse reihen sich hier aneinander und machen sich aus dem Weihnachtsfest nichts. In der Straße sind die schönsten Altbauten Frankfurts zu finden. Sie prägen das Bahnhofsviertel auf ihre ganz besondere Weise. Sie sind zum großen Teil noch erhalten und werden restauriert. Die vor den Häusern parkenden Lieferwagen haben sich heute zum Glück ordentlich in zweite Reihe gestellt und nicht wie so oft auf die Gleise. So komme ich mit dem 11er gut durch und erreiche den Hauptbahnhof. Dort ist Fahrgastwechsel, viele steigen aus, aber auch viele wieder ein. Ich höre die Rollen von Koffern auf dem Gehweg klappern und Stimmen, die sich noch lauter unterhalten. Es geht in Richtung Gallus. Hier war früher ein Arbeiterviertel, heute ist es auf dem Wohnungsmarkt wegen seiner Nähe zum Hauptbahnhof und zur Messe zu einem hippen und gefragten Viertel geworden. Überall wird gebaut und es entstehen neue Wohnquartiere. Am Güterplatz wirbt für die Verlängerung der U5 geworben. Sie soll die Menschen bald ins Europaviertel bringen. Die Mainzer Landstraße zieht sich. Schnurstracks geradeaus. Nur der kleine Knick an der Galluswarte bricht die Sichtachse. An dieser Station fahren auch die S-Bahnen, rasches Umsteigen zur Tram ist hier möglich.

Ich komme meinem Ziel langsam näher: Höchst. Doch noch bin ich nicht da. Zunächst geht es durch Griesheim: Hier steigen auch einige Handwerker aus Osteuropa zu. Ob sie wohl zum Höchster Bahnhof wollen? Der Supermarkt an der Haltestelle „Nied-Kirche“ spuckt derweil einige voll bepackte Menschen aus, die hastig meine Bahn erreichen. Nach etwas über 60 Minuten Fahrzeit erreiche ich mein Ziel „Höchst-Zuckschwertstraße“. Noch eine kurze Pause, bevor es dann wieder zurück nach Fechenheim geht. Drei Mal werde ich heute noch von Höchst in Richtung Stadt fahren. Ich werde allerdings nicht den kompletten Dienst auf dem Zug verbringen.

Um 14:30 Uhr löst mich der Kollege am Hauptbahnhof ab. Dort ist ein zentraler Ablösepunkt für uns Straßenbahnfahrer. Meine Ablöse ist pünktlich und bislang gab es keine außergewöhnlichen Vorkommnisse auf der Strecke zu vermelden. Frohes Fest wünschen wir uns, bevor er mit dem Zug davon fährt. Meine 15-minütige Pause an der frischen Luft nutze ich für einen Plausch mit einem Kollegen am Abgang zur U-Bahn. Dort hat sich auch einer der Fahrdienst-Gruppenleiter mit vielen Taschen mit VGF-Aufdruck positioniert. Er wartet noch auf einen Kollegen. „Alles für mich?“, frage ich frech. „Wenn du nach 16 Uhr auf dem Bock bist, bekommst du eine Tüte.“ Das passt leider nicht ganz, denn ich habe um 15:45 Uhr Feierabend. Noch einmal nach Höchst und wieder zurück steht auf dem Plan. Ich antworte: “Schade, aber die Kollegen, die in den Abend hinein fahren und nicht bei ihrer Familie sein können, freuen sich bestimmt über die Aufmerksamkeit.“

Auch wenn jetzt die Geschäfte geschlossen haben: An Heiligabend sind die Menschen nach 14 Uhr unterwegs. Verwunderung über eine Gruppe Männer, die ratlos vor dem Supermarkt steht. Jetzt haben nur noch Tankstellen und erlesene Wasserhäuschen geöffnet. Das muss nun ausreichen. Ich habe derweil wieder Fahrt aufgenommen und befinde mich mitten im Gallus, in Fahrtrichtung nach Höchst. Es steigen Leute ein, die offensichtlich in die Kirche wollen. Denn dort finden wie immer an Heiligabend Gottesdienste mit den nachmittäglichen Krippenspielen statt. So ist auch eine Familie an Bord, die sich fein herausgeputzt und mit dem 11er sich direkt vor das Eingangsportal der Nieder Kirche bringen lässt. In der Bahn weicht so langsam die Hektik der Entspannung. Man spürt es: Es ist Weihnachten und der Stress der Leute fällt sichtbar ab. Mein letzter Aufenthalt in Höchst für heute und ich bereite den Zug für die nächste Abfahrt vor. Für mich geht es nur jetzt nur noch bis zum Hauptbahnhof. Pünktlich um Viertel vor vier übergebe ich die Bahn meinem Kollegen. Auch er ist pünktlich und fängt jetzt erst mit seinem Dienst an, wie er mir verrät. Ich wünsche auch ihm eine ruhige Fahrt in den Heiligen Abend.

Jetzt kann ich den Abend genießen. Es geht zu meiner Familie, die auf dem Sachsenhäuser Berg wohnt. Vorher wird sich Zuhause noch schick gemacht. Auf meinem Weg nach Sachsenhausen sehe ich viele Leute, die unterwegs in die Stadt sind. Der 12er am Hessendenkmal ist brechend voll. Was da wohl los ist? Dann fällt es mir ein! Um 17 Uhr findet das große Stadtgeläut aller Innenstadtkirchen statt. Ein Ereignis, das jedes Jahr erneut viele Menschen fasziniert. Da wird es nochmal richtig voll in den Bahnen. Rund um Dom und Römer versammeln sich die Leute, um den Glockenklängen zu lauschen. Mitgebrachter Glühwein und Thermoskannen und Plastikbechern erheitert die Atmosphäre. Doch ich habe ein anderes Ziel: Ich steige in den Bus der Linie 30 in Richtung Hainer Weg, meine Familie wartet schon.

Mobilität ist auch oder gerade an den Feiertagen wichtig. Damit Sie gut ankommen, sind meine Kollegen und ich für Sie im Einsatz. Schauen Sie an Weihnachten doch mal, wer Sie da gerade zum Last-Minute-Einkauf, in die Kirche oder zu Ihren Liebsten fährt. Wir freuen uns über lieb gemeinte weihnachtliche Grüße!

Ich wünsche den Lesern dieses Blogs ein frohes Fest und einen guten Rutsch ins neue Jahr 2016.

Merry Christmas.

martin

 

Über den Autor:

Martin Dathe-Schäfer ist 32 Jahre alt, kommt aus Frankfurt am Main, hat ein abgeschlossenes Studium als Kulturjournalist und arbeitet seit 5 Jahren im Fahrdienst der VGF. In seiner Freizeit treibt er gerne Sport, verreist viel und interessiert sich auch privat für das Thema ÖPNV. In diesem Artikel schildert er seinen Dienst am 24. Dezember 2014. Auch in diesem Jahr wird er an Heiligabend eine Schicht übernehmen – dann allerdings auf der Linie 18.

Martin Dathe-Schäfer
donluigi83.ms@googlemail.com

Martin Dathe-Schäfer arbeitet seit 2011 bei der VGF. Er begann mit der Ausbildung zum Schienenbahnfahrer im Betriebshof Ost und bildete sich im Jahr 2014 zum Ausbildungslotsen für Stadtbahnfahrer weiter. Zwei Jahre später wurde er Fahrtrainer und konnte auch Straßenbahnfahrer nach ihrer Theorie, praktisch unterstützen. 2017 wechselte Martin Dathe-Schäfer in die Betriebsleitstelle und ist dort mit der Fahrgastinformation betraut.

3 KOMMENTARE
  • Ingeborg
    Gepostet am 23. Dezember 2015, 15:10Uhr Antworten

    ein Artikel der sich sehr spannend liesst und die eigene Neugier weckt wieder einmal mit der Straßenbahn durch Frankfurt am Main zu fahren.
    Ich wünsche allen Strasenbahn- U-Bahn- Mitarbeiter/in ein gesegnetes Weihnachtsfest.
    Dem Autor Martin (mein kleiner Bruder) wünsche ich weiterhin eine ereignisreiche Berichterstattung für das Jahr 2016.

  • Karin Ruf
    Gepostet am 27. Dezember 2015, 00:20Uhr Antworten

    Lieber Gastautor, danke für diesen schönen Bericht. Beim Lesen ist mir aufgefallen, dass die Linie 11 als Erlebnis-Bahn mit internationaler Besetzung beschrieben ist, dabei aber nicht der übliche negative Touch mitschwingt, mit dem diese Linie behaftet ist. Ich wohne seit vielen Jahren direkt an der Linie 11, hab sie als Linie 14 kennengelernt, und muss sagen, dass sie mir ans Herz gewachsen ist. Einen Großteil der Strecke kenne ich sehr gut.
    Ich hoffe, Sie haben Ihre diesjährige Fahrt an Heiligabend auch gut erlebt.
    Für das neue Jahr wünsche ich Ihnen und Ihrer Familie alles Gute

    • Martin Dathe-Schäfer, VGF-Gastautor
      Gepostet am 3. März 2016, 22:03Uhr Antworten

      Entschuldigung, dass ich Ihnen erst jetzt antworte.

      Die Linie 11 ist von der Streckenführung sehr reizvoll. Man fährt quasi durch die gesamte Stadt. Dadurch nimmt man auch entsprechend viele Menschen mit. Von Höchst kommend steigen viele Menschen zu bis hin zur Galluswarte. Da bräuchte man schon einen zweiten Wagen. In Fechenheim ist es schön am Mainbogen entlangzufahren. Die damalige „14“ nach Fechenheim ist mir auch noch aus Kindertagen bekannt.

      Ich wünsche Ihnen trotzdem noch alles Gute und bedanke mich sehr für die lieben Wünsche. (mds)

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