Damit die Bahnen in Bewegung bleiben

Knapp vierzig Tonnen lasten auf einer Schiene, wenn U- und Straßenbahn darüber fahren – pro Fahrzeug. In der Hauptverkehrszeit verkehren auf der Linie 11 von der Schießhütten- zur Zuckschwerdtstraße mindestens acht Züge pro Stunde. Trotz aller Instandhaltung der VGF und Kontrolle der Trassen kann es zu Materialermüdung kommen, so geschehen am vergangenen Freitag. Viele Fahrgäste, darunter auch ich, mussten schon an der Haltestelle „Nied Kirche“ aussteigen, während zwei Kilometer weiter Richtung Westen fleißige Bauarbeiter der VGF dafür sorgten, dass die Betriebsstörung so schnell wie möglich behoben wurde.

Am 6. Januar 2017, später Vormittag, las ich am Dynamischen Fahrgast-Informations-Anzeiger, dass die Linie 11 wegen kurzfristiger Reparaturarbeiten am Gleis nicht bis Höchst fahren konnte, stattdessen verkehrte sie von ca. 13:00 bis ca. 20:30 Uhr nur zwischen „Fechenheim Schießhüttenstraße“ und „Nied Kirche“. Zwischen den Haltestellen „Nied Kirche“ und „Zuckschwerdtstraße“ verwies die VGF auf die Busse der Linien 51, 54 und 59.

Im ersten Moment hielt sich meine Begeisterung in Grenzen, weil ich nicht in einem Zug nach Höchst durchfahren konnte. Zum Glück wohne ich in Frankfurt und nicht auf dem Land, wo vielleicht nur jede halbe Stunde ein Bus vorbeikommt. So konnte ich in eine Alternative umsteigen, statt brav die Mainzer Landstraße und dann die Bolongarostraße entlang laufen zu müssen. Und es kam noch besser: Der 54er brachte mich sogar noch ein Stückchen näher an mein Ziel als die Straßenbahn, vorbei an Baustellenfahrzeugen, einem Bagger und anderem schweren Gerät.

Nach Baggern, Ausheben der kaputten und Einsetzen einer neuen Schiene war die Arbeit noch längst nicht geschafft.

Während ich im Warmen saß, stellte sich mir die Frage: Wie kam es überhaupt zu der Störung? Antwort: ein Schienenbruch. Aber: Wie fällt der eigentlich auf, es fehlt ja nicht einfach ein Stück Gleis? Zum Glück hielt einer der Straßenbahnfahrer seine Augen und besonders die Ohren offen. Die Geräusche beim Überfahren solcher Stellen sind auffällig: Die Räder „rappeln“ über die Schiene, was sie sonst nicht tun sollten. Also informierte er die Leitstelle, diese schickte daraufhin einen Verkehrsmeister nach Höchst, damit dieser das Gleis genauer in Augenschein nehmen konnte. Nur wenig später waren die Arbeiter am Werk und am Abend war das Problem behoben. Der ganze Vorgang, von der Entdeckung des Schadens bis zu seiner Behebung zeigt, dass unterschiedliche VGF-Abteilungen eng miteinander zusammenarbeiten.

Schweißen, bis die Funken sprühen.

Aufmerksame Fahrer und Routinekontrollen

Im konkreten Fall hatte der Verkehrsmeister bemerkt, dass sich die Schiene bewegte. Die genaue Kontrolle später ergab: ein Längsriss im Schienensteg, dem Verbindungsteil zwischen Schienenkopf und -fuß. Eigentlich nicht weiter schlimm, oder?! Oh doch, das ist es. Hätte die VGF nichts unternommen bzw. die Reparatur auf ein unbestimmtes Datum verschoben, wäre eine Tram früher oder später entgleist und im schlimmsten Fall mit einem Auto oder einem der Busse, die regelmäßig die Ludwig-Scriba-Straße zum Höchster Bahnhof fahren, zusammengestoßen.

Durchaus nicht unmöglich: Anfang Oktober 2016 löste sich in Braunschweig bei Befahren eines verdeckten Schienenbruchs ein etwa 2,5 Meter langes Gleisstück. Die Bahn sprang aus den Schienen und rammte eine Leitplanke. Einen solchen Unfall konnte die VGF verhindern , da acht Mitarbeiter bei Minustemperaturen stundenlang baggerten, schweißten, hämmerten, bohrten und Schrauben festzogen, um ein Schienenstück von rund elf bis zwölf Metern Länge auszutauschen.

Und noch mehr Schweißarbeit.

Aber die VGF verlässt sich bei Instandhaltung ihrer Gleise nicht nur auf ihre Fahrer. Nach Auskunft des Leiters des Sachbereichs „Überwachung Fahrweg“, Georg Sabatzki, kontrollieren wir unser Schienennetz einmal im Jahr. Durch regelmäßige Inspektionen der Gleis- und Weichenanlagen (Messungen mit technischem Spezialgerät und Sichtprüfung) wird der Zustand des Fahrwegs festgestellt und dokumentiert. Hieraus erfolgen dann die Planung und gegebenenfalls die Durchführung der erforderlichen Erneuerung sowie die Aufstellung von Verschleißprognosen für die Gleis- und Weichenanlagen. Die Prüfer sind täglich und rund um die Uhr im Einsatz, sie sind sozusagen „der TÜV der VGF“. Wie heißt es nämlich? Vertrauen (ins Material) ist gut, Kontrolle ist besser.

Für Instandhaltungen der Gleise gibt es – neben Schienenbrüchen – noch andere Gründe, denn so genannte „Schienenfehler“ lassen sich auf Dauer auch mit der sorgfältigsten Kontrolle nicht vermeiden. Nicht ohne Grund gibt es den Spruch: Wo gehobelt wird, fallen Späne. Im Schienenverkehr bedeutet das konkret, dass Verschleißerscheinungen selbst bei modernem Material vorkommen. Man unterscheidet zwischen „Head Checks“ (feine Oberflächenrisse), „Squats“ (Einsenkungen auf dem Schienenkopf), Eindrückungen, Schlupfwellen, Riffel (Fahrflächenunebenheiten), „Belgrospis“ (Rissnester an der Fahrkante), Schleuderstellen und Querfehler (Risse, die senkrecht zur Fahrrichtung verlaufen).

Die Bilder der Arbeiten vom vergangenen Freitag zeigen: Es ist keineswegs eine Sache weniger Minuten, sondern eher von Stunden, bis die Straßenbahn nach solchen Arbeiten wieder fahren kann. Und damit zeigt sich, dass die Bauarbeiten der VGF vergangenen Sommer/Herbst nicht Schikane waren, sondern vielmehr Notwendigkeit.

Sommer/Herbst 2016, gleich zwei Baustellen erhitzen die Gemüter

Als im August/September vergangenen Jahres gleich zwei Großbaustellen – zuerst am Hauptbahnhof, dann auf der Mainzer Landstraße – den Nahverkehr in den betroffenen Stadtteilen stark behinderte, regten sich Autofahrer, die im Stau standen und nicht rechtzeitig zur Arbeit kamen, Anwohner, deren nächtliche Ruhe ihrer Meinung nach gestört wurde, und Fahrgäste, deren Straßenbahnen nicht wie gewohnt fuhren, auf.

Damals, vom 29. August bis 11. September 2016, mussten Frankfurter, Pendler und Touristen Geduld beweisen. Die Linien 11, 12, 16, 17 und 21 konnten den Hauptbahnhof nicht anfahren, die Haltestellen „Platz der Republik“, „Hauptbahnhof“, „Hauptbahnhof / Münchener Straße“ und „Weser- / Münchener Straße“ wurden aufgehoben. Aber nicht nur fünf Tram-Linien fuhren nicht ihre gewohnte Strecke, auch der Autoverkehr rund um den Hauptbahnhof wurde erheblich behindert.

Der Frankfurter Hauptbahnhof im August/September 2016

Nun stelle man sich vor, was wäre, wenn die VGF insbesondere an Straßenbahnknotenpunkten wie dem Hauptbahnhof die fällige Instandhaltung unterlassen würde, bloß um Beschwerden aus dem Weg zu gehen? Oder missmutigen Kunden, die ihrem Ärger auf Facebook Luft machen?

Denn die Bauarbeiten waren unumgänglich: Die gesamte Gleisanlage vor dem Hauptbahnhof war und ist durch den täglichen Tram-Betrieb nicht nur stark belastet, sondern auch in die Jahre gekommen. Immerhin stammten die Weichen aus dem Jahre 1994. Höchste Zeit also, etwas zu unternehmen. Und das hat die VGF dann ja auch. Was allerdings die wenigsten wissen: Für eine Großbaustelle wie die am Hauptbahnhof kalkuliert man normalerweise rund sechs Wochen ein. Es wurden nicht einfach ein paar Gleise und Weichen herausgerissen und 1:1 ersetzt, sondern der Abschnitt komplett erneuert, inklusive dem maroden Unterbau. Bei Sonne und Hitze waren bis zu 70 Arbeiter in mehreren Schichten zugange. Und es hat sich gelohnt: Für die nächsten zwanzig Jahre soll’s dann auch (vermutlich) gewesen sein.

Nur wenige Tage später war die Mainzer Landstraße dicht. Statt in die Straßenbahnlinie 11 mussten Fahrgäste in Ersatzbusse einsteigen. An der Galluswarte, in Höhe der Rebstöcker Straße und in Nähe der Haltestelle „Waldschulstraße“ wurde im Akkord gearbeitet.

Rund 170 Fahrten pro Richtung und Tag listet der Fahrplan für die Linie 11 auf, weitere 109 Fahrten durch Züge der 21. Irgendwann sind die Schienenlager lose und die Weichen ausgefahren. Es musste also auch hier dringend etwas getan werden. Und wurde auch. Während es in Autos und Ersatzbussen im Stopp-and-go über „die Mainzer“ ging, konnte man die „Men in Orange“ dabei beobachten, wie sie Bob dem Baumeister Konkurrenz machten.

Helden in Orange

Egal, ob es draußen stürmt oder schneit, die Sonne den Asphalt zum Glühen bringt oder es so stark regnet, dass man glaubt, die Welt gehe gleich unter – unsere Bauarbeiter in ihrer orangefarbenen Arbeitskluft geben stets ihr Bestes.

Was für einen Knochenjob man als Bauarbeiter hat, davon ahnen die wenigsten etwas, die im eisigen Winter im beheizten Auto vorbeifahren oder sich bei Regen immerhin mit einem Schirm schützen können. Sie bringen nicht nur Farbe in den Straßenverkehr, sondern sorgen außerdem dafür, dass wir sicher und heil am Ziel ankommen. Und vor allem, dass der Öffentliche Personennahverkehr immer in Bewegung bleibt.

teilen:

1 Kommentar

  1. Sehr ausführlich und nicht minder informativ: Vielen Dank für den Einblick und ich wünsche mir in Zukunft mehr solcher Hintergrundberichte!

Schreibe einen Kommentar

*