„Alle Räder stehen still?“ – Warnstreik in Frankfurt

Die junge Frau hat es eilig. So eilig, daß sie weder die Aufkleber auf dem Boden vor der Treppe, noch den blinken Voranzeiger der VGF an der Wand beachtete, die in der „Konsti-B-Ebene“ auf Tunnelsperrung einerseits, Warnstreik andererseits hinweisen. Und die beiden Kollegen des Ordnungsdiensts der VGF können sie auch nicht ansprechen, denn die versuchen gerade, einem nicht einmal des Englischen mächtigen Fahrgast zu erklären, dass er zu Fuß zum Hauptbahnhof muß, denn von dort fährt seine S-Bahn Richtung Oberursel. Also verschwindet die Frau Richtung Bahnsteig. Zunächst.

Nach zwei Minuten ist sie wieder da. Was immer ihren Meinungswandel bewirkt hat – die Information auf der Dynamischen Fahrgast-Information (DFI) oder der menschenleere und deshalb für die Uhrzeit, immerhin ist es 8 Uhr morgens, also eigentlich „Rush hour“, völlig ungewohnte Bahnsteig. Und jetzt fragt sie: „Fährt denn keine S-Bahn?“

Nicht von hier, nicht von der Konstablerwache, lautet die Antwort. Aber das hat mit der Sperrung des S-Bahntunnels wegen der Arbeiten der DB seit 26. März zu tun, nicht mit dem 24-stündigen Warnstreik, der am 28. März U- und Straßenbahnen der VGF in ihren Depots stehen ließ.

Dieser Warnstreik, mit dem die Gewerkschaften die Schlagzahl in den laufenden Tarifverhandlungen im öffentlichen Dienst erhöhen will, traf heuer mit besagter Tunnelsperrung in der Innenstadt zusammen. Für viele Lokaljournalisten ein Fest: Kaum ein Wort beflügelt deren Phantasie mehr als „Chaos“ und kaum ein Begriff wurde im Vorfeld des heutigen Mittwochs häufiger strapaziert, seit Stadtrat Klaus Oesterling eine erste Bemerkung zu einem möglichen Streik auf der Baustellen-Pressekonferenz der VGF am 21. März hatte fallen lassen. Besonders chaotisch ging es bei der „Frankfurter Rundschau“ zu: „Chaos droht bei Tunnelsperrung“ (22. März), „Chaos im Nahverkehr“ (24. März) und „Morgen droht Chaos“ (27. März). Die „Frankfurter Neue Presse“ wollte sich am 22. März nicht lumpen lassen: „Verkehrschaos droht.“ „Bild“ titelte am 27. März etwas anders: „Mittwoch steht Frankfurt still!“ Was sich allerdings definitiv als Falschaussage herausstellte.

VGF und Traffiq konnten mit einer ersten Streikwarnung am 21. März die Öffentlichkeitsarbeit beginnen und etwas Gutes hatte die seitdem fortgesetzte Berichterstattung auf alle Fälle: Die meisten Fahrgäste dürften informiert gewesen sein und hatten sich dementsprechend vorbereitet, denn auch die Gewerkschaften hatten den Streik am Freitag verbindlich angekündigt. Was zwar meistens der Fall ist, aber nicht immer: Warnstreiks kann es auch unangekündigt geben – und das schlägt bei Fahrgästen dann richtig ins Kontor.

Diesmal nicht: Presse-Informationen, Dialog und Auskünfte auf ihren Social Media-Kanälen, Texte auf den DFI-Anzeigern, Lautsprecher-Durchsagen – was der VGF als Kommunikations-Kanal zur Verfügung stand, wurde genutzt, um den Streik und seine Auswirkungen bekannt zu machen.

Nämlich, dass einen ganzen Tag und eine ganze Nacht keine U- und Straßenbahnen fahren würden, Busse – und das anders als in Offenbach und Wiesbaden – aber sehr wohl. Das liegt daran, daß die Busfahrer in Frankfurt nicht bei der VGF und damit nicht im öffentlichen Dienst beschäftigt sind. Ihre Verträge sind also nicht Teil der gerade laufenden Tarifverhandlungen. Und so kam es, daß einige Buslinien rappelvoll waren: 30, 36 und 64, aber auch 32 und 34 wurden von unfreiwilligen Umsteigern eifrig genutzt. Auch der von der VGF gestellte Ersatzbusverkehr von Offenbach Stadtgrenze bis Südbahnhof fuhr nach Plan, allenfalls wegen des dichten Verkehrs auf der Gerbermühlstraße verspätet.

Aber der Streik riß doch große Lücken in das sonst engmaschige Frankfurter ÖPNV-Netz. Wer in der Innenstadt unterwegs war, konnte eben nicht von U- auf S-Bahn umsteigen. Die einzige Auskunft, die die VGF-Kolleginnen und –Kollegen denen geben konnten, die von Haupt- oder Konstablerwache aus fahren wollten, lautete denn auch: „Bitte gehen Sie zu Fuß zum Hauptbahnhof, dort fahren die S-Bahnen.“ Wie überhaupt die Nachfrage nach S-Bahnen größer zu sein schien – und damit auch die Unkenntnis, daß der Innenstadttunnel in den Osterferien gesperrt ist. Was doch überraschte.

Nun ist ein kleiner Spaziergang von der „Konsti“ zum Hauptbahnhof in der flächenmäßig eher übersichtlichen Frankfurter City für einen „normalen“ und ortskundigen Fahrgast kein großes Problem. Ältere oder behinderte Fahrgäste, die sich nicht so gut und einfach fortbewegen können, haben an Streiktagen wie heute ein echtes Problem. Und eins, daß die VGF leider nicht lösen kann. Es ist eben nicht möglich, einen flächendeckenden Ersatzverkehr aufzuziehen, um die Streikausfälle von U-Bahnen und Straßenbahnen durch Busse zu kompensieren. Es gibt auch keine zweite Müllabfuhr, wenn die FES streikt und wenn die Kindergärtnerinnen im Ausstand sind, kann die Stadt auch keine „Ersatz-Kita“ öffnen. Was am Mittwoch also für jeden Fahrgast gut zu sehen war, ist die Bedeutung des funktionierenden öffentlichen Verkehrs. Mag das angekündigte Chaos an diesem Tag ausgeblieben sein, ein Dauerzustand können ausfallende Bahnen in einer Stadt wie Frankfurt, die tagsüber durch Pendler zur Millionen-Metropole wird, nicht sein. Ohne U- und Straßenbahnen der VGF gibt es keine städtische Mobilität, die diese Bezeichnung verdient oder von Menschen genutzt werden kann.

Das dürften auch die Einzelhändler in den B-Ebenen von Haupt- und Konstablerwache so sehen. Denn egal ob Bäckerei, Kiosk oder Obststand: Wo sich sonst Fahrgäste noch schnell mit einem „Frühstück zwischendurch“ oder einem „Latte to go“ eindecken, herrschte am Mittwochmorgen gähnende Leere. Auch vor den Schaltern der beiden Ticketcenter der VGF war nichts los, nie war es einfacher, sich umfassend und in aller Ruhe über das günstigste Tarifangebot informieren zu lassen.

Hochkonjunktur hatten dagegen die zahlreichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus unterschiedlichen Abteilungen der VGF – reguläre Fahrgastbetreuer, aus dem Fahrkartenprüfdienst oder dem Ordnungsdienst –, die sich an den vier zentralen Umsteige-Stationen um Fahrgäste kümmerten und guten Rat zu geben versuchten, auch wenn der in der Mittwochskonstellation teuer war. Besonders an Haupt- und Südbahnhof, wo die S-Bahnen endeten und es eben keinen gewohnten Anschluß mit U- und Straßenbahn gab, war Hilfe gefragt.

Und wie geht es weiter? Die Tarifverhandlungen zwischen den Gewerkschaften und den Kommunalen Arbeitgebern laufen. „Was die Forderung nach einer linearen Erhöhung von sechs Prozent für zwölf Monate sowie einen Mindestbetrag von 200 € betrifft“, so hatte Thomas Böhle, der Präsident des Verbands der kommunalen Arbeitgeber, zu denen auch die VGF zählt, gesagt, „liegen wir jedoch noch weit auseinander. Gleichwohl gehen wir davon aus, daß wir in der kommenden Runde zu einem Kompromiss finden werden.“ Die Arbeitgeber hatten schon vor den Gesprächen auf die problematische Haushaltslage viele Kommunen und öffentlicher Arbeitgeber verwiesen. Gleichzeitig betonen sie die wachsende Nachfrage nach Fach- und Führungskräften, deren Entgeltstruktur dringend verbessert werden müsse. Den Kompromiss suchen die Tarifpartner in der dritten Verhandlungsrunde, die am 15./16. April in Potsdam stattfindet. Dass dies also der erste und letzte Warnstreik in Lauf der Tarifgespräche 2018 sein könnte, ist nicht ausgemacht.

 

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4 Kommentare

  1. Wenn ÖPNV als ernsthaftes Verkehrsmittel ernst genommen werden soll, muss er zuverlässig funktionieren. Bei der VGF war das in den letzten Tagen leider nicht der Fall.
    Was hat das Management unternommen um einen Ersatzfahrplan zu organisieren? MIt kann niemand erzählen, dass 100% der Mitarbeitenden gewerkschaftlich organisiert sind. Da blockiert eine Person die Ausfahrt und alle stellen lethargisch fest: Jetzt geht nichts mehr!
    Im ersten Schritt sollte man einen Pool aus Führungskräften und externen Dienstleistern aufbauen, die einen Führerschein haben und regelmäßig Fähigkeitserhaltungsfahrten machen, um ein Mindestangebot sicherstellen können.
    Im zweiten Schritt wie in streikerprobten Ländern ein (gesetzliches) Mindestangebot einführen.
    Nebenbei: Es bestreikt ja auch niemand im Berkgwerk die Pumpstation, denn wenn das Bergwerk abgesoffen ist, ist der Job weg.

    1. Es ist für Gewerkschaften sehr leicht, den Betrieb eines Verkehrsunternehmens still zu legen. Sicher reicht nicht ein Mitarbeiter, aber der Aufwand ist nicht groß, um wirkungsvoll zu sein und ein „Minderstangebot“ zu unterbinden. Denn nur so können die Gewerkschaften ihren Forderungen Nachdruck verleihen. Ein „Ersatzfahrplan“ ist dann nicht möglich, es gibt im Streik auch keine Ersatz-Kita, Ersatz-Müllabfuhr, Ersatz-Flugsicherung etc. *bec.

  2. Auf jeden Fall kann die VGF diesen Warnstreik ernster nehmen. Das sollte sie mal tuen. Vor allem nach dem zweiten!!!

  3. Die VGF ist in den gerade laufenden Verhandlungen (16.4.; 3. Runde in Potsdam) keine Tarifpartnerin, sie verhandelt also nicht mit den Gewerkschaften, das tut der Verband kommunaler Arbeitgeber (VKA). Insofern wird die VGF als kommunales Unternehmen zwar bestreikt, kann aber durch eigene Aktionen oder Aktivitäten auf den Streik keinen Einfluß nehmen. Insofern stellt sich die Frage, was es bewirken soll, wenn die VGF „diesen Warnstreik ernster nehmen“ würde? *bec.

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