Alte Betriebshöfe sterben nicht

Nicht wenige Straßenbahn-Freunde denken wehmütig an die alten Depots in Bornheim und in Sachsenhausen. Mit ihren Backsteinfassaden und den charakteristisch gewölbten Dächern über filigranen Stahlkonstruktionen sind sie architektonische Industrie-Denkmäler und echte „Hingucker“ in den Stadtteilen – und wären es umso mehr, wenn sie noch ihrem Ursprungszweck dienen und nicht Supermärkte beherbergen würden. Auch lagen sie günstig an den innerstädtischen Tram-Strecken, lange Aus- und Einfahrten gab es hier nicht.

Aber ihre exponierte Lage in der attraktiven Mitte der Stadtteile war auch ihr Nachteil. Zum einen waren sie den Anforderungen eines modernen Straßenbahnbetriebs nicht gewachsen. Ein Ausbau etwa zwischen Textor- und Hedderichstraße in Sachsenhausen war nicht möglich. Zum anderen hatte genau diese Lage Stadtplaner schon lange ein Auge auf sie werfen lassen. Beide, Hedderich- und Heidestraße, veräußerte die VGF, um den modernen Betriebshof Ost (kurz „BH Ost“ genannt) zu finanzieren, der zwar keine architektonische Schönheit ist, dafür aber über eine sehr praktische Anlage zwischen der „B-Strecke“ im Westen (U-Bahnlinien U4 und U5) und der „C-Strecke“ (U6 und U7) im Osten verfügt, seit der Eröffnung im Sommer 2003 ausgebaut werden konnte und darüber hinaus auch eine relativ kurze Verbindung zum Tramnetz mit Anschluß an die 12 am Festplatz hat.

Zwei alte Straßenbahn-Betriebshöfe

Zwei alte Straßenbahn-Betriebshöfe besitzt die VGF noch: die 1916 eröffnete Anlage in Gutleut und den Betriebshof an der Eckenheimer Schwabstraße, der diesen Status genau genommen mit Eröffnung des genannten BH Ost vor 17 Jahren verloren hat.

Im Betriebshof Gutleut sind heute 105 Straßenbahnen beheimatet, darunter 97 für den aktiven Liniendienst. Hier werden kleinere Reparaturen erledigt und Schäden behoben. Außerdem werden größere Fristen abgearbeitet, also regelmäßige Untersuchungen, ohne die die Bahnen keine Betriebserlaubnis hätten. Dazu kommen die Innen- und Außenreinigung und seit Frühjahr auch die nächtlichen Corona-Desinfektionen.

Modernisierung von Gutleut

Gutleut hat zwar auch das Problem, daß der Betriebshof in seiner über Jahrzehnte um ihn herum gewachsenen Lage nur schwer zu erweitern ist, an eine Aufgabe ist aber nicht gedacht.

Im Gegenteil: Zwischen Oktober 2020 und März 2021 modernisiert die VGF Gleise und Weichen des Betriebshofs umfassend: Schienen auf einer Länge von 2.738 m, 29 Weichen und rund 4.200 m Fahrdraht – inklusive 22 Oberleitungsmasten, an denen er hängt – tauscht die VGF aus.

Die Arbeiten, von denen die zweigleisige Zufahrt von der Mannheimer Straße, das gesamte Gleisfeld vor den Hallen sowie die Einfahrten zu den 27 Gleisen – davon vier Werkstattgleisen – betroffen sind, sollen Ende März 2021 abgeschlossen sein. Einkalkuliert hat die VGF in diesen Zeitplan eine 14-tägige Winterpause und einen zeitlichen Puffer für Unvorhergesehenes.

Fit für die Zukunft

Gutleut muß fit für die Zukunft werden, denn von 2021 an sollen hier die ersten „T“-Wagen, die neuesten Tram-Modelle Frankfurts, eingesetzt werden. Nicht nur das: Um unter Umständen auch wieder U-Bahnen in Gutleut zu stationieren – bis 2003 waren hier „U2“-Wagen beheimatet, die dann nach Ost verlegt wurden – wird die VGF die Radien im Gutleut-Gleisfeld verändern.

Nein, an eine Aufgabe des Betriebshofs im Stadtteil Gutleut denkt die VGF wahrlich nicht.

Und hier kommt Eckenheim ins Spiel. Den Betriebshof hat die VGF nicht veräußert und braucht ihn als eine der dezentralen Abstellanlagen für die Gutleut-Bahnen. Ein Teil der oben aufgezählten Arbeiten muß bis März nämlich von Gutleut auf drei andere Standorte dezentralisiert werden: im BH Ost, am Stadion und eben in Eckenheim. Gerade hier können kleinere Werkstattarbeiten erledigt werden, denn die Fahrgäste sollen vom Gleis- und Weichenbau in Gutleut möglichst keine Auswirkungen spüren, auch wenn für ein knappes halbes Jahr die notwendigen Arbeiten an den Bahnen nicht mehr zentral erledigt werden können.

110 Jahre Betriebshof Eckenheim

Der Betriebshof Eckenheim, im Jahr 1911 eröffnet, verfügt über 30 überdachte Gleise, zwei Hallen mit den Gleisen 1 bis 3 sowie 4 bis 7 können mit Toren verschlossen werden. Hier war die alte und ist die provisorische Betriebswerkstatt untergebracht. Die Abstellkapazität wurde 1956 erweitert, als die Rückwände einiger Hallenschiffe entfernt und die Gleise auf das dahinter befindliche Freigelände verlängert wurden. Vom 1. August 1971 gehörte die Wagenhalle an der Bornheimer Heidestraße als Außenstelle zum Betriebshof Eckenheim. Seit der Eröffnung des Betriebshofs Ost im Jahre 2003 galt das Depot nicht mehr als Betriebshof, es diente seitdem selber als Wagenhalle. So übernachten hier einzelne Kurse der U5, die von der Schwabstraße schnell auf die Linie einschieben können.

Wechselvolle Geschichte

Die Anlage an der Schwabstraße, etwas nördlich der eigentlichen Innenstadt gelegen, war das einzige Straßenbahn-Depot in Frankfurt, das die Luftangriffe auf die Stadt im zweiten Weltkrieg ohne Schäden überstand. Drei einzigartige Exponate, die heute im Schwanheimer Verkehrsmuseum der VGF zu bewundern sind, überdauerten deshalb den Luftkrieg in Eckenheim – unter Planen und unversehrt: außer einem Pferdebahn-Wagen ein Triebwagen und ein Beiwagen der Frankfurt-Offenbacher-Trambahn-Gesellschaft, die im Februar 1884 ihren Betrieb aufgenommen hatte. 1950, eigentlich hatte man ja mit den Wiederaufbau der zerstörten Stadt und des ebenfalls in Mitleidenschaft gezogenen Tramnetzes genug zu tun, wurden die alten „Schätzchen“ entdeckt – unbezahlbare Einzelstücke, Zeugnisse von Frankfurts Verkehrsgeschichte

Bis zur Eröffnung des Betriebshofs Ost im Sommer 2003 war Eckenheim ein funktionsfähiger Betriebshof. Danach wurden die in Eckenheim beheimateten „PtB“-Wagen in den Riederwald verlegt, die Einrichtung blieb als Abstellanlage erhalten. Auch für die Werkstatt gab es in den Jahren nach 2003 mit Rollkuren für die „S“- und „U5“-Wagen eine unverzichtbare Teilnutzung.

Kein Verkauf

Zum Glück hat die VGF die Immobilie nicht veräußert. Dies auch mit Blick auf die Zukunft, denn die Zahl der Straßenbahnen wird mit dem Netzausbau der kommenden Jahre steigen: 45 Bahnen der neuen Generation, in Frankfurt als „T“-Wagen eingereiht, hat die VGF bestellt, es gibt eine Option auf 13 weitere Fahrzeuge. Aktuelle Informationen zu dieser Fahrzeug-Bestellung enthält die Presse-Information

https://www.vgf-ffm.de/de/aktuellpresse/news/einzelansicht/der-neue-t-wagen-vgf-bestellt-verlangerungsmodule/

die die VGF auf ihrer Homepage parat hält. Die ersten Exemplare sollen im Frühjahr 2021 kommen. Dann gilt es nicht „nur“ Abstellgleise in ausreichender Länge vorzuhalten, sondern auch Werkstatt-Kapazität. Beides fällt nicht vom Himmel oder kann in bestehenden Einrichtungen einfach drauf gesattelt werden. In Eckenheim ist die wichtigste Infrastruktur aber schon vorhanden.

Reaktivierung von Eckenheim

Zwar werden die „großen Fristen“, bei denen die Bahnen komplett zerlegt und wieder zusammen gesetzt werden, in der Stadtbahn-Zentralwerkstatt (StZW) abgearbeitet, aber die Betriebswerkstätten in den Anlagen Ost, Heddernheim und Gutleut haben genug Arbeit, um einen Fuhrpark, der 119 Straßenbahnen und 261 U-Bahnwagen umfaßt, für den Linieneinsatz klar zu machen. Angesichts der Vergrößerung der Straßenbahn-Flotte ist die Reaktivierung von Eckenheim als Betriebshof mit Abstellanlage und Werkstatt daher Teil der VGF-Planungen.

Neues Leben im alten Betriebshof

Nun mag der Betriebshof Eckenheim trotz seines Alters und seiner wechselvollen Geschichte kein städtebauliches Kleinod sein. Aber die VGF hat der Anlage in den vergangenen Wochen neues „Werkstatt-Leben“ eingehaucht. Größere und vor allem planbare Arbeiten sollen bis März 2021 trotz der Bauarbeiten in Gutleut erledigt werden, die Werkstatt bleibt daher anfahrbereit. Kleinere Arbeiten, die oben genannte Beseitigung von Unfall- oder Vandalismusschäden an rund 42 bis 45 Fahrzeugen, sollen in der wiederbelebten Werkstatt Eckenheim stattfinden. Die Gutleut-Nachtschicht von 18 bis 6 Uhr wird daher an die Schwabstraße verlegt.

Die VGF hat hierfür sauber gemacht, Gleise und Weichen überprüft, Material und Ersatzteile heran geschafft, Parkplätze für Werkstatt-Mannschaft und Fahrer geschaffen sowie Container mit Sozialräumen aufgestellt und ausgestattet.

Mobile Unterflur-Drehbank

Und sie hat noch mehr vorbereitet: Die Betriebshöfe Gutleut und Ost verfügen genau wie die StZW in Rödelheim über fest installierte Unterflur-Drehmaschinen. Regelmäßiges Schleifen der Radsätze vermindert ihren Verschleiß, führt zu mehr Laufruhe und weniger Ablaufgeräuschen. Die VGF wollte in dem knapp halben Jahr auf das Schleifen nicht verzichten, weshalb von der Möglichkeit Gebrauch gemacht wurde, ein Gerät zu mieten.

Die mobile Unterflur-Drehbank ist eine von drei Maschinen dieser Art, die die Firma Hegenscheidt aus dem niederrheinischen Erkelenz vermietet. Die für Eckenheim vorgesehene Maschine war gerade in Linz, wo sie in einem kleineren Eisenbahnverkehrsunternehmen im Einsatz war.

Der Sattelschlepper einer tschechischen Spedition steht am Montagmorgen, 12. Oktober, abladebereit in Eckenheim. Die rund 18 t schwere Drehbank bringt die zulässige Beladung des Lkw zwar nicht von den Ausmaßen, aber vom Gewicht an seine Grenze, auch wenn die 460 PS starke MAN-Zugmaschine mit der Ladung keine Probleme hat. Das gilt auch für den großen Liebherr-Kran der Frankfurter Firma ADW, der zum Abladen vor Ort ist. Er könnte – mit Gegengewichten voll aufgerüstet – sogar 130 t bewegen. 18 t sind für den Fünfachser also keine Herausforderung.

Maßarbeit beim Abladen

Darauf kommt es in diesem Fall aber nicht an, angesichts der engen Platzverhältnisse vor der Halle mit den Gleisen 1 bis 3 und der gespannten Oberleitung ist vielmehr Maßarbeit angesagt. Die Leitung führt natürlich keinen Strom, sollte nach Möglichkeit aber nicht abgerissen werden. Der Kranführer hebt die unter einer Plane versteckte Ladung an, der Sattelschlepper fährt darunter weg und der Kran setzt die Maschine vorsichtig auf die Gleise. Das alles ist letztlich in einer Stunde erledigt, dann beginnt der Fernfahrer, seinen Auflieger wieder abfahrbereit zu machen.

Noch während das geschieht taucht in der engen Schwabstraße ein zweiter Sattelschlepper auf, der neben Ersatzteilen eine rund 1,4 t schwer Messachse geladen hat, die später mit einem Gabelstapler abgeladen wird.

Schleifen anderer Art

Die Maschine wird in der Halle auf Gleis 3 aufgestellt. Das Schleifen läuft in den kommenden Wochen etwas anders ab, als in einer Betriebswerkstatt mit festinstallierter Maschine gewohnt.

Die zum Schleifen vorgesehenen Straßenbahnen werden von speziellen Hebevorrichtungen – ähnlich wie in einer Autowerkstatt – hydraulisch angehoben und die Unterflur-Drehmaschine wird mit einem Spezialfahrzeug unter die aufgebockten Bahnen gezogen, um die Radsätze zu bearbeiten.

In der Regel wird der Radsatz eines Wagens im Lauf einer Acht-Stunden-Schicht geschliffen, wobei vor- und nachbereitende Arbeiten nötig sind: verschiedene De- und Montagearbeiten, das Nachstellen der Höhe von Bahnräumer, Sandstreurohren usw. In Eckenheim muß berücksichtigt werden, dass das zu bearbeitende Fahrzeug exakt positioniert und gehoben werden muss.

Deshalb rechnet die VGF hier mit zwei Tagen, bis eine Bahn mit geschliffenen Rädern wieder auf den Schienen steht.

Von Eckenheim ins Straßenbahn-Netz

Zwar können in Eckenheim bis März bis auf die großen Fristen alle notwendigen Arbeiten an den Straßenbahnen erledigt werden, ganz ideal für ein Straßenbahn-Depot liegt die Anlage an der Schwabstraße aber nicht. Aus- und Einschiebewege, also die Strecken zwischen Betriebshof und Betriebslinien, sind verhältnismäßig lang. U-Bahnen könnten an der Station „Marbachweg / Sozialzentrum“ in beiden Richtungen direkt auf die Linie U5 einbiegen, damit auch schnell auf die U4 gelangen. Über Seckbacher Landstraße und den BH Ost besteht dann Anbindung an die „C-Strecke“ mit U6 und U7. Über den Marbachweg erreichen die Bahnen nach kurzer Fahrt die „A-Strecke“ auf der Eschersheimer Landstraße (U1, U2, U3, U8 und U9). Um ins Tramnetz zu kommen, fahren die Bahnen die Eckenheimer Landstraße Richtung Konstablerwache, biegen an der Glauburgstraße ab und nutzen das Betriebsgleis bis Friedberger Landstraße / Rohrbachstraße, um auf die Strecke der 12 und der 18 einzufädeln. Allerdings nur in Richtung Konstablerwache, ein Abzweig nach Norden und eine Verbindung geradeaus in die Rohrbachstraße waren beim Bau der Linie 18 zum Gravensteiner-Platz (Eröffnung 11.12.2011) leider nicht vorgesehen. Seis’s drum: auf die Linien 12 und 18 geht’s im Nordend allemal und damit ins gesamte Straßenbahn-Netz.

Das zeigt, warum Gleise wie in der Glauburgstraße, im Marbachweg oder der Schloßstraße nicht einfach gekappt werden können, wie sich das manche Ortsbeiräte wünschen („Die werden doch eh nicht gebraucht, also sollen sie weg.“). Zum Glück liegen in der Glauburgstraße und anderswo noch solche Betriebsgleise. Nur mit ihnen kann die VGF in Fällen wie jetzt Gutleut flexibel disponieren und den Betrieb aufrecht halten.

Bernd Conrads
B.Conrads@vgf-ffm.de
3 KOMMENTARE
  • Ralf Würkner
    Gepostet am 19:04h, 22 Oktober Antworten

    Freut mich sehr das Eckenheim wieder zum Leben erweckt wird. Mein Vater war stellvertretender Betriebshofvorsteher in Eckenheim bis Anfang der 70er, dann kam er an den Börneplatz und ich habe es als Kind immer genossen wenn wir Bekannte (Kollege von meinem Vater) in der Schwabstraße besucht haben und ich am Fenster beim Rangieren und Ausschieben zusehen konnte.

    Danke für den Artikel!

  • Elias Manzanares
    Gepostet am 12:21h, 23 Oktober Antworten

    Sehr schöner Artikel! Danke für den EInblick, echt lustig, wie gerade der 222 „fliegt“. Auch schön, wie der O-Wagen dort abgestellt wurde.
    Was ist eigentlich mit den Einrichtungswagen passiert, stehen die in Gutleut und können die da rausfahren? Welche Linien werden eigentlich wo abgestellt? Wie oft werden die Züge am Stadion nach Eckenheim oder Ost gefahren, um dort gewartet zu werden?

  • Claudio Russo
    Gepostet am 21:13h, 23 Oktober Antworten

    Tolle Story und Einblicke👍

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