Wer aufpaßt, lebt im Großstadtverkehr länger

Der Blick ist gesenkt, die Aufmerksamkeit fokussiert – aber eben nicht auf den Verkehr, durch den man gerade läuft, rote Ampeln und geschlossene Halbschranken inklusive. Das kleine schwarz- oder silberglänzende, flache Kästchen in der Hand ist der Taktgeber, die Apps und Likes und neuen Nachrichten oder was auch immer sonst auf dem Display flimmernd mehr Aufmerksamkeit beansprucht als die Bahn, die von der Seite kommt. Dabei hätte gerade sie es verdient. Oder der Lastwagen. Oder der Fahrrad-Fahrer, der gerade den Zebrasteifen oder die rote Ampel ignoriert hat…

„Smombies unter uns“

So in etwa dürfen wir uns den „Smombie“ vorstellen, wie ihn die „Neue Zürcher Zeitung“ in einer Mischung „Smartphone“ und „Zombie“ nennt. Aber nein, vorstellen müssen wir uns diese neue Spezies im Großstadtverkehr gar nicht, sie läuft durch unsere Stadt. Jeden Tag. Und nicht nur einer…

In der amerikanischen Stadt Honolulu sind es so viele geworden, die durch ihre fahrlässige Unaufmerksamkeit Unfälle verursachen, daß der Gebrauch von Smartphones und Tablets durch Fußgänger im Straßenverkehr im Wiederholungsfall mit bis zu 99 $ gebüßt wird. Solche Strafen sind in Deutschland nicht leicht zu erheben, man denke nur an die jahrelange Diskussion zur Anhebung des Erhöhten Beförderungs-Entgelts (EBE), also der Buße fürs Schwarzfahren. Aber mangelhafte Aufmerksamkeit infolge von Smartphone- oder MP3- und Kopfhörer-Nutzung ist auch in unserem Großstadtverkehr zu einem veritablen Sicherheits- und Gesundheitsproblem geworden.

Provokative Kampagne

Mit einer ungewöhnlichen Textkampagne werben VGF und Straßenverkehrsamt deshalb seit dem 21. November für Aufmerksamkeit bei allen Verkehrsteilnehmern, vor allem aber bei jenen, die ihre eigene Knautschzone sind und als die Schwächsten auf den Straßen gelten können: Fußgänger. Dabei setzen wir auf Botschaften, die im Kopf kleine Geschichten entstehen lassen und vielleicht auch schockieren, in vielen Fällen hoffentlich nachdenklich machen und – im Idealfall – zu mehr Vorsicht im Straßenverkehr führen sollen.

Denn: Im Frankfurter Stadtgebiet sowie auf den Straßen und Gleisen rund um die Stadt ereigneten sich im vergangenen Jahr mehr als 3.800 Unfälle, bei denen 17 Menschen starben. Neben der fehlerhaften Einschätzung der jeweiligen Verkehrssituation und Alkohol ist es eben die Ablenkung durch die Nutzung von Handys und Kopfhörern, die zu gefährlichen Situationen führt.

Alleine bei Unfällen mit U- und Straßenbahnen starben 2016 zwei Fußgänger – sie hatten die Gleise bei Rot überquert und eben auch nicht auf die Schienenbahnen geachtet. Darüber hinaus wurden elf Radfahrer und Fußgänger verletzt, zum Teil schwer. Die Unfallstatistik der Polizei nennt, neben Alkohol am Steuer, vor allem Mobiltelefone und „Rotlaufen“ als häufigste Unfallursachen. Fußgänger und Radfahrer trifft es bei solchen Unfällen oft am schlimmsten.

Unfall an der Borsigallee

So auch beim bisher letzten schweren Unfall mit Beteiligung eines Fahrzeugs der VGF: der Kollision eines PKW mit einer U7 an der Kreuzung Borsigallee / Kruppstraße Ende Oktober. Die junge Autofahrerin und ihre Mitfahrerinnen waren mehr mit einem Handy beschäftigt als mit dem Verkehr. Es lohnt sich, in diesem Zusammenhang die Polizeimeldung vom 1. November zu zitieren:

„Bei einem Verkehrsunfall am vergangenen Donnerstagabend (26. Oktober 2017) an der Kreuzung Borsigallee Ecke Kruppstraße kam es zu einem Zusammenstoß zwischen einem Pkw und einer U-Bahn. Drei junge Frauen im Alter von 18, 19 und 21 Jahren wurden durch das Unfallgeschehen schwer verletzt und ins Krankenhaus verbracht. Glücklicherweise bestand keine Lebensgefahr. Zwei der drei Verletzten konnten das Krankenhaus zwischenzeitlich wieder verlassen.

Im Rahmen der bisherigen Ermittlungen geht die Polizei davon aus, dass die Führerin des beteiligten Pkw zum Zeitpunkt des Unfalls durch die Nutzung eines Mobiltelefons ‚abgelenkt‘ gewesen ist.

Die Polizei Frankfurt am Main weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass ‚Ablenkung im Straßenverkehr durch die Nutzung elektronischer Endgeräte‘ neben Geschwindigkeit, Alkoholgenuss und Missachten des Rotlichts zu den häufigsten Unfallursachen gehört.

Erst im Oktober 2017 wurden daher die bundeseinheitlichen Bußgeldvorschriften zur Nutzung von technischen Geräten im Straßenverkehr erhöht und erweitert.

Beispielsweise kostet die rechtswidrige Nutzung eines Mobiltelefons für Kraftfahrzeugführer künftig 100,- Euro und 1 Punkt in der Flensburger Verkehrssünderdatei.“

Großstadtverkehr

Vielleicht ist die Androhung finanzieller Bußen nicht genug. Eine emotionale Ansprache sollte sich dazu gesellen. Die schwarzen Plakate mit weißer Schrift und einem roten Blutfleck sind nicht schön, aber das Thema ist es auch nicht. Sie hängen inzwischen im ganzen Stadtgebiet, in U-Bahn-Stationen und Straßenbahnen. Es gibt die Motive auch als CityCards, die in Bars und Clubs hängen. Entsprechende Clips laufen auf den Displays unserer 600 Fahrscheinautomaten und auf unseren Infoscreen-Bildschirmen in den U-Bahn-Stationen. Eine zweite Plakatierungswelle ist für Anfang des Jahres 2018 vorgesehen, um die Botschaft zu verankern. Außerdem sollen zusätzliche Projekte und Partnerschaften – zum Beispiel mit Seniorenstiften und Schulen – die länger laufende Kampagne ergänzen.

Als Absender der Texte haben VGF und Straßenverkehrsamt „Dein Großstadtverkehr“ gewählt. Bei der Pressekonferenz, auf der die Kampagne Mitte November vorgestellt wurde, sagte der VGF-Aufsichtsratsvorsitzende und Verkehrsdezernent Klaus Oesterling: „Mit dieser Art der Kampagnen-Botschaft vermeiden VGF und Straßenverkehrsamt bewusst eine Schuldzuweisung. Es soll vielmehr allgemein auf die Gefahren des Straßenverkehrs aufmerksam gemacht werden, besonders bei Missachtung der Straßenverkehrsregeln. Die neue Kampagne findet deutliche Worte, um zu wirken.“

VGF-Geschäftsführer Michael Rüffer sagte bei gleicher Gelegenheit: „Wir wollen die Unfallzahlen deutlich senken. Da die häufigste Ursache für Unfälle mit unseren U- und Straßenbahnen Unachtsamkeit oder mangelnde Aufmerksamkeit der anderen Verkehrsteilnehmer ist, wollen wir mit der Kampagne genau dort ansetzen.“ Die Botschaften könnten zwar im einen oder anderen Fall schockierend direkt sein, so Rüffer weiter, „letztlich geht es aber darum, Leben zu schützen“.

Gert Stahnke, Leiter des Straßenverkehrsamts, geht mit seinem Appell zur Unfallvermeidung noch einen Schritt weiter, als nur selbst achtsam zu sein: „Immer mit der Unachtsamkeit anderer rechnen und im Zweifel eher einmal auf sein Recht zu verzichten. Das Motto muss sein: ‚Pass mit auf!‘“, erklärte er bei der Pressekonferenz, mit der die neue Kampagne vorgestellt wurde.

Weitere Kampagnen

Auch von anderen Seiten wird das Thema gerade aufgegriffen, so etwa vom Bundesverkehrsministerium, das am vergangenen Wochenende eindrucksvolle Anzeigen schaltete, so unter anderem eine Seite in der „F.A.Z.“ – neun leere Todesanzeigen und den Text: „Rücksicht im Straßenverkehr kann jeden Tag neun leben retten.“ Zwar geht es hier nicht direkt um Aufmerksamkeit, die Stoßrichtung ist aber dieselbe: die Zahl der tödlichen Opfer im Straßenverkehr zu verringern.

Immer auch Opfer: VGF-Fahrer

Im Gespräch mit der Unternehmenszeitung „in Fahrt“ wies der Technische Geschäftsführer auch auf den internen Aspekt der Kampagne hin: „Natürlich haben wir mit so einer Kampagne auch unser Kolleginnen und Kollegen im Hinterkopf. Wir möchten auch unseren Fahrdienst vor den traumatisierenden Folgen von solch schweren Unfällen schützen.“ Vor diesem Hintergrund lobt Michael Rüffer die heuer ins fünfte Jahr gehende Schulkontaktpflege, mit der die VGF durch Vorträge und Gespräche in den Schule versucht, Kindern und Jugendlichen klar zu machen, wie gefährlich Unachtsamkeit im Straßenverkehr sein kann. „Dafür haben wir eine neue Broschüre aufgelegt, die in Bildern eindrücklich auf diese Gefahren hinweist“, so Rüffer weiter. Diese wiederum ist von der hier beschriebenen Aufmerksamkeits-Kampagne unabhängig, auch Bildsprache und Texte unterscheiden sich.

Informationen in Schulen

Die abgebildeten Szenen dieser neuen Publikation wurden nachgestellt, aber sie stellten sich in zahlreichen Gesprächen mit Fahrerinnen und Fahrern als die Situationen heraus, mit denen sie täglich konfrontiert werden. Klaus Düwel, bei der VGF Leiter dieser Schulkontaktpflege, freut sich über das Material, das er nun Eltern und Kindern zur Verfügung stellen kann: „Bisher habe ich unsere ältere VGF-Broschüre ‚Achtung Bahn‘ verteilt“, erzählt er. „Aber die neue Broschüre spricht ganz gezielt Kinder und Jugendliche an, und ich kann das Bildmaterial außerdem in meiner Präsentation verwenden. So haben die Kids gleich einen Wiedererkennungswert.“ Auch die Eltern, die die neue Broschüre bei einer Schulinformationsveranstaltung erstmals ausgehändigt bekamen, haben die neue Broschüre positiv aufgenommen.

Investitionen in die Sicherheit

Mit einer Kampagne ist es nicht getan. Die VGF hat deshalb in der Vergangenheit viel investiert und unterschiedliche Schritte ergriffen, um Verkehrsteilnehmer aufmerksamer zu machen: durch gelb eingefärbten Asphalt und andere aufmerksamkeitserregende Markierungen an ihren zahlreichen Überwegen, durch Doppelrot an den dazugehörenden Ampeln oder durch Schranken an Bahnübergängen. Und natürlich durch die Schulungen der Fahrerinnen und Fahrer. Mit neuen Fahrsimulatoren in der Betriebsfahrschule können wir die Kollegen jetzt noch gezielter auf alle möglichen Gefahren und andere kritische Situationen vorbereiten, denen sie im Linieneinsatz ausgesetzt sein können.

Aber: Eine Bahn hat durch ihr hohes Gewicht einen langen Bremsweg. Selbst bei dem geringen Tempo von 30 Stundenkilometern und einer Vollbremsung benötigen die 40 Tonnen einer Stadtbahn 17 Meter Bremsweg, bis sie stehen. Dazu kommt: sie hat keine Ausweichmöglichkeit. Trotz aller Vorsicht und Vorkehrungen, die die VGF trifft, werden sich Unfälle nicht vermeiden lassen, so lange andere Verkehrsteilnehmer lieber ihren Posteingang checken, als auf die Straße zu achten.

Wir hoffen, daß die aktuelle Kampagne hilft, dass dies künftig seltener passiert. Schon ein Unfall weniger wäre ein Erfolg – auch wenn er sich, da er nicht stattgefunden haben wird, statistisch nicht belegen läßt.

teilen:

5 Kommentare

  1. Sehr geehrter Damen und Herren,
    Ich bin selbst Teilnehmer am Großstadtverkehr und fahre mit dem Auto von zu Hause zur Arbeit. Auf der Fahrt sind mir nun ihre Plakate zur Aufklärung über die Gefahren im Großstadtverkehr aufgefallen. Obwohl ich die Idee im Kern gut finde, ist die Umsetzung aus meiner Sicht eher mangelhaft. Denn die Plakate sind so „zugetextet“, dass das Lesen während der Fahrt tatsächlich vom Verkehr ablenkt. Es dauert einfach zu lange, den gesamten Text aufzunehmen.
    Das ist sicher nicht im Sinne des Erfinders, oder ?

  2. Liebe VGFler,

    ich bin von der Kampagne äußerst positiv angetan. Die Sprüche können gar nicht schockierend oder ‚brutal‘ genug sein – ich habe die Hoffnung, dass sie ihre wachrüttelnde Wirkung nicht verfehlen.
    Zum Beitrag meines ‚Vorschreibers‘ Olaf: m.E. ist die Zielgruppe eher zu Fuß bzw. bestenfalls mit dem Fahrrad unterwegs. Das sind die Problemfälle – weniger die Autofahrer. Insofern hätten die Leutchen, an die sich die Botschaft nach meinem Verständnis vorwiedend richtet, schon genug Gelegenheit, sie wahrzunehmen. Vorausgesetzt, sie sind in der Lage, lange genug von ihrem Handydisplay aufzuschauen ;-).

    MfG.
    Thomas

  3. Danke für die Kommentare. Wir haben die Motive mit Straßenverkehrsamt und Polizei gerade mit Blick darauf besprochen. Einhellige Meinung: sie sind nicht zu textlastig, wobei ein Achtzeiler natürlich sperriger daherkommt, als ein Vierzeiler. Wir haben darauf verzichtet, bestimmte Motive bestimmten Werbeflächen zuzuordnen, weshalb Sie als Autofahrer, Olaf, in der Tat Plakate sehen, die Ihnen zu lang erscheinen. Das kann ich gut verstehen. Tatsächlich ist die allererste Zielgruppe der Fußgänger, auch als unser Fahrgast, der an Stationen oder Haltestellen wartet. Autofahrer bringen sich nicht so häufig in Gefahr und wenn, dann in der Form, die die im Blog-Text zitierte Polizei-Meldung schildert. Trotzdem sollten sich natürlich auch Wagenlenker angesprochen fühlen, denn deren Mißbrauch beim Fahren gefährdet potentiell andere Verkehrsteilnehmer. Aber zwei Dinge nehmen wir mit für die zweite Welle: möglichst kurze Texte und u.U. eben doch eine standortspezifische Zuweisung der Motive. *bec.

  4. Sehr geehrter Herr Conrads,
    vielen Dank für Ihren informativen Beitrag in Ihrem Blog.
    Auch mir ist es bereits passiert, daß ich – nicht als Smombie –
    achtlos die Straßenbahnschienen gequert habe, mit dem
    Gedanken: MIR passiert schon nichts! Es ist ja alles frei!!
    Menschen sind leider heutzutage anscheinend weniger
    aufmerksam im Straßenverkehr, als früher. Das entbindet
    mich – sowie meine Mitmenschen – allerdings nicht von
    meiner unserer Aufmerksamkeit.
    Daher nochmals recht herzlichen Dank für Ihren Beitrag.

  5. Super Idee und sehr gut umgesetzt. Je schockierender desto besser, mit den Bildern auf den Zigaretten Päckchen ist es ja nicht anders. Ich muss zugeben ich höre auch Musik mit meinen Kopfhörern, aber dann sollte man wenigstens bei rot als Fußgänger stehenbleiben. Vor allem Erwachsene, die sehen da sind auch Kinder die an der Ampel warten. Da kommen mir immer Gedanken von schnellen Autos die eben diesen Menschen mal so richtig schön……. Erschrecken.

Schreibe einen Kommentar

*