Frankfurt43: Mit Bus und Bahn durch alle 43 Stadtteile

Frankfurt besteht aus 43 Stadtteilen! Hätten Sie’s gewusst? Christoph Siegl und Dennis Hummel zogen einen langen Sommer aus, sie alle zu entdecken. Was sie fanden und was sie dort erlebten, zu welchen Gedanken sie angeregt wurden – das teilen sich nun in ihrem Buch Frankfurt43.

Je eine (und nur eine) Photographie und ein zugehöriger Essay portraitieren jeden Stadtteil. Dabei war es ihnen wichtig, Frankfurt in all seiner Vielfalt zu zeigen, anstatt die immer gleichen Szenen der Stadt erneut zu präsentieren. Darum ließen sie den Zufall entscheiden: Sie würfelten aus, zu welcher Tageszeit sie den Stadtteil bereisten. Unterwegs waren sie mit Bus und Bahn, beide haben sie eine Zeitkarte des RMV. Im Stadtteil angekommen teilte ein Zufallsgenerator ihnen mit, in welchem Quadrant von 80 mal 80 Metern sie ihr Motiv suchen dürfen. Selbst die Himmelsrichtung, in die die Kamera zeigen sollte, wurde zufällig bestimmt. Die 43 Ergebnisse überraschen, erstaunen, zeigen ganz alltägliche Szenen bis hin zu spektakulären Momenten.

Christoph Siegl, Stadtforscher und Gründer des Frankfurter Open Urban Institute (OUI), lieferte die Idee und fand mit Dennis Hummel, Fotokünstler und Frankfurter Bub, einen geeigneten Mitstreiter. Zu jedem Motiv verfasste Christoph wiederum einen Text. Diese handeln von urbanen Phänomenen, aktuellen Strömungen der Stadtentwicklung, vermeintlich nebensächlichen Aspekten am alltäglichen Wegesrand, erzählen Geschichten von Baukultur, Mobilität und Wochenmärkten und informieren über die teils weniger bekannten Stadtteile, ihre Geschichte und Besonderheiten. Im Interview berichten sie von ihren Erfahrungen.

Anne: Vermutlich waren die wenigsten Frankfurter schon mal in allen 43 Stadtteilen. Welche habt ihr auf euren Fototouren das erste Mal besucht?

Christoph: Durchquert habe ich fast alle Stadtteile schon in den letzten Jahren, zumal wir seit 8 Jahren mit dem Open Urban Institute gezielt Stadtspaziergänge auch in weniger bekannten Stadtteilen machen. Sich einem Stadtteil so gezielt zu nähern ist aber etwas anderes. Vor allem der Frankfurter Westen und das grandiose Fechenheim haben mich sehr fasziniert.

Dennis: Ich kannte die westlichen Stadtteile, insbesondere Sossenheim und Sindlingen, bis dahin eigentlich nur vom Durchfahren und war froh, diesen Bereich der Stadt besser kennenzulernen.

 

Anne: Gab es Überraschungen bei der Motivsuche?

Dennis: Überraschungen gab es eigentlich in fast jedem Stadtteil, da wir anhand der Karte nur selten erraten konnten, was genau uns erwarten würde. Und oft kamen die Motive dann eben recht unerwartet, wie zum Beispiel der Storch in Harheim oder die Kleingartenidylle in Praunheim. Aber genau das machte in meinen Augen den Reiz des Projekts aus.

Christoph: Oh, da könnten wir viele kleine Einzelheiten berichten. Bei der allerersten Tour – am Frankfurter Berg – begegneten wir zwei Damen, die den Agility-Sport ausübten. Auf einer Wiese am nördlichen Rand des Viertels. Sie mit Hunden, wir mit Kamera und einem anfänglich argwöhnischen Blick und der gegenseitigen Irritation was der jeweils Andere wohl wolle. Ganz generell führte uns die Methode an viele Off-Locations, teilweise etwas verlorene, besondere Orte. Die Tageszeit, das Wetter, die Perspektive vor Ort, all das prägt dann das entstandene Motiv, sei es die Cassellabrücke im Sonnenschein an einem Samstag Nachmittag oder die Endstation in Ginnheim an einem verregneten Vormittag.

 

Anne: Der wohl bekannteste Straßenbahnfahrer der Stadt, der Bahnbabo, wird ja auch in eurem Buch erwähnt – wie kam das?

Christoph: Obgleich ich seit 15 Jahren leidenschaftlicher Bahnnutzer bin – ich besitze kein Auto – war mir bis vor wenigen Monaten der Bahnbabo unbekannt. Als ich erstmals von ihm erfuhr, grübelte ich über die eigene Filterblase. Welches (potentiell interessante) Wissen geht an einem vorbei, schlicht weil man nicht darauf vorgeprägt ist. So fragte ich mich, wie konnte die Story um den großartigen Bahnbabo solang für mich unbekannt sein. Gleichzeitig schrieb ich das Kapitel über Nied. Mit Nied und seinen Reizen hatte ich einen ähnlich lange Kennenlernphase. So kam der Bahnbabo ins Buch!

Anne: Ihr wart mit Bus und Bahn unterwegs. Wie gut sind eurer Erfahrung nach die Stadtteile vernetzt?

Dennis: Aus meiner Sicht sind wir immer sehr gut vorangekommen. Busse und Bahnen haben uns in den jeweiligen Stadtteil gebracht und das letzte Stück konnten wir bequem zu Fuß zurücklegen. Generell ist Frankfurt ja eine Stadt der kurzen Wege, was uns bei unseren Streifzügen natürlich zugute kam. Auf ein Auto konnten wir somit gut verzichten.

Christoph: Das stimmt, Dennis. In gewisser Weise war Frankfurt43 auch ein ÖPNV-Experiment. Wir wollten ja nicht im Abhakmodus die Stadtteile abklappern, sondern vor allem durchqueren, erfahren, erleben. Da sind die Bus- und Bahnverbindungen natürlich eine gute Art die Stadt zu entdecken, immer in Kombination mit den finalen Fußwegen zum Motiv. Als primärer U-Bahn und S-Bahnnutzer war ich – auch dank Dennis beeindruckenden Buslinienfachwissen – immer wieder über die erstaunlich effizienten Busrouten begeistert, zumal sie den tangentialen Ausgleich zum sternförmigen U-Bahnnetz liefern. Viele Leser von Frankfurt43 berichteten euphorisch von Vorhaben, die Stadtteile nun besser kennenlernen zu wollen, neue Joggingrouten oder Lokale ausprobieren. Wenn wir da eine kleine Inspiration sein konnten, freut uns das sehr!

 

Anne: Wo gibt es das Buch zu kaufen?

Christoph: Das Buch Frankfurt43 gibt es überall im Buchhandel oder direkt über uns per Mail. Parallel zum Buch erschien auch ein 43-teiliges Postkartenset. Es zeigt die Stadtteile mit ihren jeweiligen Ikonen von Galluswarte über Römer und Bolongaropalast bis hin zum Hausener Freibad und den Oberräder Gewächshäusern. Auch das Postkartenset gibt es bei uns per Email.

Anne: Und was ist euer Lieblingsmotiv im gesamten Buch?

Dennis: Ich habe tatsächlich mehrere Lieblingsmotive, aber das Bild von Bonames gefällt mir persönlich besonders gut, da es zum einen eines dieser unerwarteten Motive zeigt und wir zum anderen genau zur richtigen Zeit am richtigen Ort waren, um die schöne Sonnenuntergangsstimmung an diesem Tag einzufangen.

Christoph: Ich mag alle Bilder – so unterschiedlich sie auch sind – da sie erstaunlich gut den von uns erlebten Spirit des Ortes eingefangen haben. Mein Lieblingsmotiv ist aber darüber hinaus die Cassellabrücke in Fechenheim, da sie einen wichtigen Aspekt der Industriegeschichte Frankfurts mit ihrer engen Verknüpfung von Arbeiten und Leben einfängt und einen guten Kontrast zur häufig eindimensionalen Außendarstellung Frankfurts als Bankenmetropole darstellt.

 

Frankfurt 43, ISBN 3752852526, 29,99 €, erhältlich im Buchhandel und bei den Autoren

Postkartenset 10 €, erhältlich unter kontakt@openurbaninstitute.org

 

 

Über die Autorin: 

Anne Siegl ist Stadtforscherin beim Open Urban Institute und Wahlfrankfurterin aus Überzeugung. Das Open Urban Institute, kurz OUI, ist ein Netzwerk für Stadtforschung und urbane Strategien zwischen Stadtkultur und -entwicklung. Es verknüpft wissenschaftliche Stadtforschung, künstlerische Zugängen zur Stadt und Ansätze einer urbanen Alltagspraxis.

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2 Kommentare

  1. Hallo liebe Anna,

    ich möchte mich ganz herzlich bei dir für die Erwähnung in dem fantastischen Buch „Frankfurt 43“ bedanken und war erst einmal etwas überrascht als ich die Einladung zur Finissage des Buches von der Presseabteilung bekam.
    Leider hatte ich an diesem Tag Dienst und konnte den Termin nicht wahrnehmen, jedoch habe ich mich meeega gefreut eingeladen worden zu sein.

    Mit diesem Buch ist euch wirklich etwas großartiges gelungen und ich selber werde es mir bestellen.
    Ich hoffe ihr könnt noch viele solcher fantastischen Projekte in die Tat umsetzen und damit jede Menge Menschen glücklich machen, schätze mal dass wir Spaß gehabt hätten, wenn es geklappt hätte, hahahaha….

    Wenn du etwas mehr über den „Bahnbabo“ erfahren möchtest, kannst du ihn ja mal googeln, oder auf Facebook einfach den #bahnbabo eingeben….

    Ich wünsche dir noch meeega viele erfolgreich Projekte und zolle dir den Respekt, den du verdienst……

    Der Bahnbabo

    1. Gude, Bahnbabo!
      Lieben Dank für deine netten Worte! Wenn es demnächst noch eine Buchvorstellung geben sollte, sagen wir gern rechtzeitig Bescheid und würden uns über deinen Besuch sehr freuen!
      Mach weiter so und liebe Grüße,
      Anne

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