Neue Leitstelle: Das Gehirn des Frankfurter Nahverkehrs

Die Atmosphäre in dem 403 qm-Großraumbüro ist konzentriert. Rund 125 Monitore an 20 Arbeitsplätzen zeigen Bilder aus dem ganzen Netz der VGF, hier und da klingelt ein Telefon, Fachgespräche werden geführt, aber für einen privaten Plausch bleibt trotzdem noch Zeit. In der neuen Leitstelle der VGF herrscht keine Hektik, die Arbeit ist geprägt von ruhiger und konzentrierter Aufmerksamkeit und Zielstrebigkeit. Mit einem Wort: von Professionalität.

Ein kurzer Signalton ertönt und die Kollegen der Sicherheits- und Service-Zentrale der VGF (SuS) wissen sofort, was er bedeutet: Ein Info-Ruf von einer der 159 Notruf- und Informationssäulen, die die VGF an Stationen und Haltestellen in ihrem Netz installiert hat und die mit der SuS verbunden sind. Einer der drei diensthabenden Mitarbeiter schaltet die Kamera auf, die die aktivierte Stele erfaßt – eine von 605 im System –, hat so den Fahrgast im Blick und meldet sich: „Sicherheits- und Service-Zentrale der VGF! Was kann ich für Sie tun?“

Routine in der SuS. Noch keine Routine ist, daß diese Einrichtung seit März zur neuen Zentralen Leitstelle der VGF gehört und hier mit ihren fünf Bildschirm-Arbeitsplätzen in einem der Seitenflügel untergebracht ist. Eine solche „Zentrale“ hatte das Unternehmen bis jetzt nicht, stattdessen waren die SuS einerseits, die Betriebsleitstelle und die Betriebsüberwachung („Büwa“) andererseits, in unterschiedlichen Gebäuden untergebracht. Grund hierfür war nicht zuletzt das unterschiedliche Alter der Einrichtungen, denn eine Betriebsleitstelle gab es schon in den 70er Jahren, die SuS nahm erst zum Confed-Cup im Jahr 2005 und im Rahmen der ersten Ausbaustufe des Projekts „Sicherheit und Service“ ihre Arbeit auf.

Alles in einem

Ist die neue Zentrale Leitstelle das Herz des öffentlichen Verkehrs in Frankfurt? Oder das Gehirn? Beide Bilder passen, um ihre Aufgaben zu beschreiben. Seit März 2018 und rund 30 Monaten Bauzeit ist sie in Betrieb, eingebaut in die 6. Etage einer VGF-Liegenschaft in Nähe der Konstablerwache. Die dazugehörende Technik wurde in der Etage darunter untergebracht.

Zu Grunde lag dem Projekt ein Konzept, das die alte Betriebsleitstelle, die für die Betriebsüberwachung der neun U-Bahn- und zehn Straßenbahn-Linien verantwortlich ist, die „Büwa“, die die Funktion technischer Einrichtungen wie Aufzüge oder Rolltreppen kontrolliert, und die SuS in einem großen Raum zusammenfaßt. Das stärkt die Zusammenarbeit verschiedener Fachbereiche und verkürzt Wege und vereinfacht Kommunikation.

Die VGF startete das Projekt 2010 mit der Machbarkeitsstudie „Neukonzeption der Betriebsleitstelle“. Unterteilt wurde die Modernisierung schließlich in drei Einzelprojekte: Planung und Bau der technischen Gebäudeausstattung, der eigentliche Umbau sowie die Systemtechnik. Baubeginn war 2015 mit Abbruch und Sanierung in der ausgewählten Liegenschaft, in die die neue Leitstelle einziehen sollte. Da diese von anderen Abteilungen der VGF genutzt wurde, war im Vorfeld der Umzug von mehr als 100 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in Ausweichquartiere zu planen und zu koordinieren.

Die „Büwa“

Jetzt sind die drei wichtigen Einrichtungen, die den VGF-Betrieb überwachen, kontrollieren und steuern in einer Zentralen Leitstelle untergebracht. Rund 100 Mitarbeiter aus drei verschiedenen Fachbereichen haben ihre Arbeitsplätze hier gefunden. Natürlich arbeiten sie nicht alle zeitgleich, denn die Tätigkeiten werden im Drei- oder auch – so zum Beispiel bei einem der beiden Fahrgast-Informationsplätze – im Zwei-Schichtbetrieb ausgeführt.

Zwei der insgesamt rund 20 Arbeitsplätze in der 6. Etage bilden die Betriebsüberwachung. Von hier werden an 14 Monitoren Funktion und Betrieb von mehr als 1,2 Millionen technischen Komponenten kontrolliert – egal ob es die 270 Fahrtreppen oder die 49 Personen-Aufzüge sind, die in den 86 U-Bahnstationen die Fahrgäste befördern, das Licht, die Notbeleuchtung oder die Temperatur in den Anlagen. Fehler oder Ausfälle werden angezeigt, Reparatur oder Instandsetzung durch die technischen Bereiche schnell beauftragt.

Die Betriebsleitstelle

Die eigentliche Betriebsleitstelle regelt mit insgesamt 68 Mitarbeitern den Betrieb der neun U-Bahn- und zehn Straßenbahnlinien. Das sind 64,85 km Betriebsstreckenlänge bei der U- und 68,67 km bei der Straßenbahn. 650 Weichen liegen im Netz der VGF, dazu 20 Schienenkreuzungen – alle an die Betriebsleistelle angeschlossen und von ihr überwacht. Über 400 Schienen-Fahrzeuge verfügt die VGF, die jährliche Lauf-Leistung beträgt mehr als 15 Millionen Kilometer. 2017 hat die VGF damit rund 189,16 Millionen Fahrgäste mobil gehalten – das sind fast 520.000 Menschen pro Tag.

An insgesamt elf Arbeitsplätzen, an denen 81 Monitore umfassende Informationsmöglichkeiten bieten, kümmern sich die Mitarbeiter des Fachbereichs „Betriebsmanagement“ um den reibungslosen Ablauf des Verkehrs, darunter sechs Fahrdienstleiter, die die U-Bahnstrecken, die Straßenbahn- und die Buslinien überwachen. Zwei weitere Plätze sind der immer wichtiger werdenden Fahrgastinformation vorbehalten, von hier werden Durchsagen gemacht oder die Anzeiger der Dynamischen Fahrgast-Information (DFI) bedient. Auch Störungsmeldungen, die auf der Twitter-Seite der VGF informieren, werden hier verfaßt und publiziert. Der anschließend folgende Dialog zwischen Fahrgast und VGF läuft dann allerdings über die Unternehmenskommunikation.

Hochdruck – und alles andere als Ruhe – herrscht bei Unfällen oder anderen Betriebsstörungen, die U-Bahn-Linien lahmlegen. Besonders die stark frequentierte „A-Strecke“, auf der zwischen Südbahnhof und Heddernheim die U1, U2, U3 und U8 tagsüber alle 2,5 Minuten fahren und rund 100.000 Fahrgäste unterwegs sind, steht in solchen Fällen im Mittelpunkt. Die VGF hat deshalb in ihrer neue Leitstelle einen Arbeitsplatz eingerichtet, den ein „Trouble-Shooter“ besetzt, ein siebter Fahrdienstleiter, der sich im Fall der Fälle auf den Platz des für die betroffene Strecke zuständigen Kollegen aufschalten kann und ihn unterstützt. Voraussetzung dafür ist, daß sein Arbeitsplatz mit Monitoren und anderer Technik identisch ausgestattet ist.

Die SuS-Zentrale

Der dritte jetzt integrierte Bereich gehört zum Ordnungsdienst. Über 605 Augen verfügt die SuS-Zentrale, so viele Kameras sind an 38 U-Bahn-Stationen, fünf Straßenbahn-Haltestellen und diversen anderen Liegenschaften der VGF im ganzen Stadtgebiet installiert. Dazu kommen 159 Notruf-und Informationssäulen. Der Name „Sicherheit & Service“ ist Programm, denn Fahrgäste können über diese Säulen Fragen stellen oder bei Notrufen schnelle Hilfe anfordern. Jede Stele ist mit einer Kamera verbunden, die drei Mitarbeiter des Ordnungsdiensts, die hier in drei Schichten arbeiten, sind damit immer im Bild, was in den Stationen der VGF geschieht. Sie koordinieren von hier aus die Einsätze ihrer Kollegen, die in Zweier-Dienstgruppen die Bahnen und Stationen bestreifen. 30 Monitore verteilen sich auf fünf Arbeitsplätze, wovon zwei zurzeit in Reserve sind und einen künftigen Ausbau des Projekts „Sicherheit & Service“ möglich machen.

Gediegen und funktional

Das Ergebnis der Umbau-Anstrengungen kann sich sehen lassen: Das Interieur im 6. Stock ist gediegen, aber vor allem funktional, auf den rund 600 qm Leitstellenfläche – zu den 403 Quadratmetern der eigentlichen „Zentrale“ kommen nochmals 197 qm für Nebenräume, Büros und den neuen Krisenraum hinzu – dominieren Beige-Grau und helle Brauntöne. Teppichböden dämpfen die Geräuschkulisse, ein ausgeklügeltes Beleuchtungskonzept – inkl. verstellbarer Innenjalousien, teilweise mit festen äußeren Blendschutzlamellen – ist den Bedürfnissen der an Bildschirmen arbeitenden Kolleginnen und Kollegen angepaßt. Eine zentrale Rolle spielt die Klimatisierung des Raums, sicher gestellt durch eine aufwendige Klimaanlage mit Kühldecke und Lufteinlässen im Boden.

Die alte Grundfläche der 6. Etage wurde um zwei seitliche Flügel und 169 qm auf besagte 600 qm erweitert. Das war konstruktiv, statisch und baulich notwendig, um in dem neuen Komplex unterzubringen, was geplant und sinnvoll war. Dazu gehören die elf „Gondeln“ – also die klassischen Arbeitsplätze der Betriebsleitstelle – fünf Arbeitsplätze für die SuS und zwei weitere für die Betriebsüberwachung („Büwa“). Die Tische mit verstellbarer Höhe sind Sonderanfertigungen, die hochwertigen Sessel entsprechen ergonomisch den Anforderungen, die eine Achtstundenschicht und ein 24 Stunden langer „Rund-um-die-Uhr“-Betrieb stellen, denn die Leitstelle schläft nie und ist 24 Stunden besetzt und einsatzbereit.

Außer den Arbeitsplätzen von Betriebsleitstelle, SuS und „Büwa“ sind in der Etage Büros für die jeweiligen Schichtleiter vorhanden, ein modern ausgestatteter Krisenraum, Archiv, Lager, Küchen-, Pausen- und Sozialräume, WC, Spinde und Postfächer für die Mitarbeiter.

Angepaßte Anforderungen

Ganz geradlinig verliefen die Arbeiten seit 2015 freilich nicht. So stellte sich nach ihrem Beginn heraus, daß der Sanierungsbedarf in der Liegenschaft höher war als vorgesehen, eine Entwicklung, die typisch für derartig schwierige Arbeiten im Bestand ist. Außerdem paßte die VGF im laufenden Vorhaben die Zielvorgaben an: Nicht nur das 5. und 6 Obergeschoß für die neue Leitstelle und die Technik sollten saniert werden, sondern auch die darunter liegenden Geschosse 3 und 4. Im Februar 2017 wurden dann auch noch Erd- und 1. Obergeschoß in das Projekt einbezogen. War ursprünglich eine Geschoßfläche von 2.750 qm zur Sanierung vorgesehen, erhöhte sich die zu bearbeitende Fläche im Gebäude so auf mehr als 6.000 qm.

Auch andere Zahlen des Baus lesen sich eindrücklich: 34 Kilometer Stromkabel wurden verlegt, 54 Kilometer neue Datenkabel. Rund 40 Auftragnehmer hat die VGF beschäftigt, 13 Planungsbüros wurde beauftragt. Die mit dem Projekt befaßten Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer der VGF haben mehr als 23.000 Arbeitsstunden investiert. 

Warum kein Neubau?

Wäre ein Neubau „auf der grünen Wiese“ oder eine Sanierung der alten Betriebsleitstelle nicht sinnvoller gewesen, als ein anderes Bestandsgebäude umzukrempeln und umfangreich zu erweitern? Komplette Neubauten sind ja in aller Regel unkomplizierter zu verwirklichen; eine Sanierung scheint auf den ersten Blick kostengünstiger.

Die Antworten ergaben sich aus den Variantenbetrachtungen: Ein Neubau einerseits hätte komplett und neu an die Infrastruktur angeschlossen werden müssen, also an Kabel und Leitungen, die Leitstelle und U- und Tram-Strecken verbinden. Diese Anschlüsse sind an der innerstädtischen Liegenschaft aber vorhanden. Andererseits handelt es sich bei der neuen Leitstelle nicht „nur“ um eine bauliche Veränderung, die VGF hat auch massiv in neue Systemtechnik investiert. Seit 1987 nutzte die VGF für Überwachung und Steuerung ihres Bahn-Betriebs ein „RBL“ („Rechner gesteuertes Betriebs-Leitsystem“) genanntes System. Abgelöst wurde es durch das moderne ITCS-System einer Schweizer Firma („Intermodal Transport Control System“), denn die alte Technik wurde vom Hersteller nicht weiter entwickelt, Komponenten fehlten, Ersatzteile waren nur noch schwierig und dann teuer zu beschaffen. Die technischen Rahmenbedingungen des ITCS und die Funkanbindung machten mit Blick auf die Zuverlässigkeit einen Umzug mit der vorhandenen Technik zu einem Risiko. Das galt für Signaltechnik, Bedienplätze der Stellwerke und die Fernsteuerung des Stellwerks Bommersheim.

Diese Rahmenbedingungen – dazu die Anforderungen an eine moderne und zuverlässige Technik sowie die Notwendigkeit, den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die in einem Drei-oder Zwei-Schicht-Betrieb rund um die Uhr arbeiten, ergonomisch angemessene Arbeitsplätze zur Verfügung zu stellen – ließen die VGF zu der Erkenntnis kommen, daß eine Sanierung der alten Betriebsleitstelle nicht sinnvoll und ein Neubau in einer bestehenden Liegenschaft nötig sein würde.

Der eingangs geschilderte Anruf auf der Informationssäule erwies sich tatsächlich als Routine, nämlich als eine Bitte um eine Auskunft: „Wie komme ich denn zum Palmengarten?“, fragt die offensichtlich auswärtige Dame, die an der Station „Bockenheimer Warte“ steht und – bevor sie anfängt zu suchen – den von der VGF angebotenen Service wahrnimmt. Der Kollege vom Ordnungsdienst kann helfen, nicht zuletzt, weil er dank der Kamera sieht, wo die Dame steht und welchen Weg sie von da aus am besten nehmen kann: „Wenn Sie die Treppe zu Ihrer Rechten nehmen und dann oben nach links gehen, kommen Sie zum Palmengarten.“ Der Fahrgast dankt und macht sich auf den Weg.

Doch auch Notrufe nimmt die SuS entgegen, informiert den eigenen Ordnungsdienst und alarmiert Polizei, Feuerwehr oder Rettungswagen, wenn die Lage das erfordert. Das tut sie zum Glück eher selten, die meisten „Notrufe“ entpuppen sich als Fehlalarm, manche davon auch mit Absicht ausgelöst: „Ach, da meldet sich ja tatsächlich jemand“, bekommen die diensthabenden Kollegen dann mitunter zu hören – wenn der neugierige Passant sich nicht ganz schnell aus dem Staub macht, sobald die Stele zum Leben erwacht. Oder ein „Ich wollte nur ausprobieren, ob das wirklich funktioniert!“ Tut es, 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr.

 

teilen:

3 Kommentare

  1. Sehr Interessanter Beitrag. Danke!

  2. Interessanter Bericht. Erfolgte der Umbau Ihrer Leitstelle gemäß DIN EN 50518?

  3. Das ist leider eine sicherheitsrelevante Information, die wir nicht publizieren wollen. Ich weiß, das ist unbefriedigend, aber manche Dinge (oder Vorgänge) werden auch bei der VGF als sensibel eingeschätzt. *bec.

Schreibe einen Kommentar