Frankfurter Urgestein: der „U2“-Wagen geht in Rente

Die VGF mustert die letzten Wagen des Typs „U2“ in diesem Jahr aus. Diese U-Bahnen bildeten seit Eröffnung der ersten Strecke das Rückgrat des Frankfurter Nahverkehrs. Zum Abschied organisieren die VGF und der Verein Historische Straßenbahn Frankfurt e.V. (HSF) am 3. April 2016 einen öffentlichen Pendelverkehr zwischen Römerstadt und Oberursel Bahnhof – zum Erinnern und Mitfahren, zum Genießen und Fotografieren.

Fahrzeug der ersten Stunde

Von der Aufnahme des U-Bahn-Betriebs am 4. Oktober 1968 an prägten sie das Bild der Frankfurter U-Bahn: die Triebwagen des Typs „U2“. Anders als bei den Straßenbahn-Typen, die – mit „A“ beginnend – in Frankfurt mit Buchstaben bezeichnet werden, wurden die U-Bahn-Typen nummeriert. Der „U2“ war also schlicht der zweite Fahrzeug-Typ, der in Frankfurt für das beginnende U-Bahn-Zeitalter beschafft wurde.

Waren es zum Zeitpunkt der Betriebsaufnahme zunächst 20 Fahrzeuge, wuchs ihre Zahl im Laufe der Jahre und des kontinuierlich ausgebauten Streckennetzes auf insgesamt 104. Schon 2008 hat die VGF damit begonnen, die ersten der teilweise mehr als 40 Jahre alten Veteranen auszumustern. Mit der Inbetriebnahme des neuen Typs „U5“ wurden die „U2“-Wagen sukzessive außer Dienst gestellt und – da für diese Altfahrzeuge mit hohen Fahrzeug-Böden keine Abnehmer gefunden werden konnten, schließlich sind hohe Bahnsteige für ihren Betrieb nötig – leider größtenteils verschrottet. Dieses Jahr werden die letzten Bahnen, die wir noch als Reserve vorhalten, außer Dienst genommen.

Prototyp und Exot: der „U1“

Entwickelt wurde der „U2“ aus den beiden Prototypen der Frankfurter U-Bahn-Fahrzeuge. Diese wurden als Typ „U1“ bezeichnet, 1965 gebaut und von Mai 1966 an getestet. Hersteller der „U1“ wie auch der folgenden Baureihen „U2“, „U3“ und „U4“ war Siemens Duewag. Ein Exemplar des Urtyps steht übrigens im Schwanheimer Verkehrsmuseum der VGF – eine zeitlose, cremefarbene Schönheit, die leider nicht mehr fahrfähig ist.

Die im Probebetrieb mit den „U1“-Wagen gesammelten Erfahrungen beeinflussten sowohl die Konstruktion als auch den Bau der „U2“-Fahrzeuge. Beispielsweise waren die neuen Bahnen 23 statt 21,8 Meter lang, um die Elektronik einfacher unterzubringen. Auch wurden die Wagen mit Rollbändern für die Zielanzeige ausgestattet, da die Steckschilder in den Prototypen nicht für jeden Fahrer erreichbar waren.

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Sieben Fahrzeug-Serien für den Netzausbau

Der ersten von insgesamt sieben Serien des Typs „U2“ gehörten insgesamt 30 Fahrzeuge an. Die Bahnen wurden zwischen Juni 1968 und Anfang 1969 ausgeliefert. Zur Betriebsaufnahme der Frankfurter U-Bahn am 4. Oktober 1968 zwischen Hauptwache und Nordwestzentrum standen die genannten 20 Fahrzeuge zur Verfügung.

Mit der Aufnahme des U-Bahn-Betriebs zwischen Hauptwache und Bad Homburg Gonzenheim am 19. Dezember 1971, der heutigen Linie U2, erhöhte sich der Bedarf: 15 neue „U2“ wurden gebraucht, aus diesem Grund wurde die zweite Serie bestellt. Ihre Inbetriebnahme erfolgte zwischen Mai und September 1971.

Zwischen September 1975 und April 1976 erfolgte die Inbetriebnahme der dritten und vierten Wagen-Serie. Diese umfassten jeweils zehn Fahrzeuge, die für die erneute Erhöhung der Kapazität auf den U-Bahn-Linien angeschafft wurden.

Die Aufnahme des U-Bahn-Betriebs nach Oberursel, heute die U3, am 28. Mai 1978 sowie eine weitere Angebotsausweitung auf der Linie nach Bad Homburg machten die Bestellung der fünften und sechsten Serie nötig. In Betrieb genommen wurden die insgesamt 32 Wagen – 25 der Serie fünf und sieben der Serie sechs – zwischen Dezember 1977 und September 1978.

Fortan waren die Wagen des Typs „U2“ auf der ganzen so genannten A-Strecke mit den Linien U1, U2 und U3 zwischen Theaterplatz (heutiger Willy-Brandt-Platz) und Ginnheim, Bad Homburg bzw. Oberursel unterwegs. „A-Strecke“ wird diese Trasse noch heute genannt, da sie der erste U-Bahn-Abschnitt in Frankfurt war. Es folgten am 26. Mai 1974 die Eröffnung der „B-Strecke“ mit dem Abschnitt Scheffeleck – Theaterplatz (heute die Linien U4 und U5) sowie am 11. Oktober 1986 die Betriebsaufnahme der „C-Strecke“ zwischen Zoo und Rampe Industriehof (heute die Linien U6 und U7). Auch eine „D-Strecke“ gibt es, als solche wird der am 10. Februar 2001 eröffnete Abschnitt Hauptbahnhof – Bockenheimer Warte („D I“, Linie U4) und die seit Dezember 2010 befahrene Strecke über den Riedberg („D IV“ mit den Linien U8 und U9) bezeichnet. Ein wie auch immer gearteter Lückenschluß zwischen Bockenheimer Warte und Ginnheim trägt damit schon jetzt die Bezeichnung „D II“. In diesem Schema gilt der Abschnitt Ginnheim – Niederursel als „D III“, obwohl er eigentlich Teil der A-Strecke ist. So weit, so kompliziert.

Doch die „D II“ ist Zukunftsmusik, zurück zu den „U2“-Wagen. Mit der Verlängerung der drei Linien vom Theaterplatz zum Südbahnhof am 29. September 1984 wurde die siebte Serie, bestehend aus insgesamt sieben Wagen, bestellt. Die Bahnen wurden zwischen August und Dezember 1984 in Betrieb genommen. Sie waren die einzigen „U2“-Wagen, die nicht mehr in rot-weißer, sondern in der reinorange-hellelfenbein-beigegrauen Lackierung der Stadtwerke angeliefert wurden. Die Bestandswagen wurden schon seit 1981 sukzessive umlackiert. Mit der Geschäftsaufnahme der VGF im Jahr 1996 bekam der Frankfurter Nahverkehr eine neue Farbe: Seitdem erhielten fast alle „U2“-Wagen nach und nach die markante Lackierung in „Subaru-vista-blue“, landläufig würde man sie „türkis“ nennen.

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Von Heddernheim nach Ost

Heimatbahnhof der „U2“-Flotte war für viele Jahre Heddernheim. Nach der Anschaffung der U-Bahn-Wagen des Typs „U4“ 1994 / 1995 wechselten 1998 insgesamt 34 „U2“-Einheiten ihren Einsatzort. Sie fuhren nicht mehr auf der „A-Strecke“, sondern auf der Linie U7, der „C-Strecke“. Ihr neues Depot war damit Gutleut, das vorübergehend als Straßenbahn- und U-Bahn-Betriebshof genutzt wurde. Die Zufahrt erfolgte an Hauptbahnhof und Festhalle vorbei über das Betriebsgleis der Schloßstraße. Dieses Intermezzo über Straßenbahngleise endete im Sommer 2003, als die VGF im Riederwald ihren modernen Betriebshof Ost eröffnen konnte. Die „U2“-Teilflotte zog erneut um und Gutleut war wieder ein reiner Straßenbahn-Betriebshof. Von Ost aus werden noch heute die U-Bahnlinien U4 bis U7 bedient, außerdem stehen hier Straßenbahnen der Baureihe „S“.

„U2e“ und „U2h“

Da auf der „C-Strecke“ die Bahnsteige 87 Zentimeter hoch waren – und damit höher als auf der „A-Strecke“ –, mussten die Wagen vor ihrem Einsatz umgebaut werden. Die Trittstufen in den Türbereichen wurden entfernt, sodass ein ebener Einstieg möglich war. Alle umgebauten Wagen erhielten die neue Typbezeichnung „U2e“.

Unterschiedliche Bahnsteighöhen waren auch der Grund, warum alle auf der „A-Strecke“ verbliebenen „U2“-Wagen von 1999 an ebenfalls umgebaut wurden. Hier wurde die Trittstufe jedoch nicht entfernt, sondern nur erhöht, sodass im Wageninneren eine kleine 10 Zentimeter hohe Stufe blieb. Die derart umgebauten Wagen erhielten die neue Typbezeichnung „U2h“.

 

Umbau für Barrierefreiheit

Von Februar 2002 an ertüchtigte die VGF die „U2“-Wagen mit Blick auf ihre Barrierefreiheit. Zwar bleiben zu diesem Zeitpunkt an verschiedenen Stationen noch Stufen zwischen Bahnsteig und Fahrzeug, da der Umbau der Infrastruktur zeitintensiv war und nicht auf einen Schlag erfolgen konnte, aber eine von vier Türen pro Fahrzeug-Seite wurde umgebaut: Die Türöffnungen wurden durch den Ausbau der Mittelstangen auf ein Meter dreißig verbreitert, so dass insbesondere Fahrgäste mit Kinderwagen und Rollstuhlfahrer problemlos in die Wagen gelangen konnten.

Der Umbau erfolgte kontinuierlich über die nächsten drei Jahre – jedes Jahr waren während der routinemäßigen Hauptuntersuchung rund 20 Fahrzeuge “dran”. Die Arbeitsdauer betrug pro Wagen vier bis fünf Arbeitstage. Die an den Haltestangen befestigten Einrichtungen für Türöffnung, Notbremse sowie Fahrerruf mußten verlegt werden. Der Fahrerruf fand sich an den seitlichen Haltestangen wieder, auch die Technik für die Lichtschranke, die die Schließung der Tür steuert, wurde versetzt. Darüber hinaus benötigen die Türen nach dem Ausbau der Mittelstangen zusätzliche Sicherungen. Auch die jüngeren „U3“-Typen – Inbetriebnahme der 27 Fahrzeuge in den Jahren 1979 und 1980 – wurden so umgebaut und mit einem gelben Balken oberhalb der Tür gekennzeichnet.

In den nächsten Jahren folgten weitere Fahrzeugumbauten von „U2h“ nach „U2e“, insbesondere deshalb, weil seit 2008 die neuen Bahnen des Typs „U5“ in Betrieb genommen wurden und somit auf der „A-Strecke“ eingesetzte „U2“-Wagen auf anderen U-Bahn-Linien zum Einsatz kommen sollten. Die Fahrzeuge wurden nun auch auf der Linie U6 (ebenfalls „C-Strecke“) sowie der Linie U4 („B-Strecke“) eingesetzt. Die einzigen U-Bahn-Linien, die mithin nie durch „U2“-Wagen bedient wurden, sind die Linie U5 – hier war bis zum Umbau der Stationen „Musterschule“ und „Glauburgstraße“ im Frühjahr und Sommer 2016 der Einsatz der „PtB“ mit ihren Klapptrittstufen alternativlos – sowie die beiden Riedberg-Linien U8 und U9 – was in erster Linie an der Steigung bzw. dem Gefälle zwischen Niederursel und Riedberg liegt.

Mit der zunehmenden Zahl der neuen „U5“-Wagen des kanadischen Herstellers Bombardier zeichnete sich das Ende der „U2“-Wagen ab. Schon seit 2012 werden auf der „A-Strecke“ keine „U2“ mehr eingesetzt. Im Frühjahr 2015 wurde der Betrieb der Linie U4 auf neue Fahrzeuge umgestellt. Inzwischen werden sie auch auf der „C-Strecke“ nicht mehr planmäßig eingesetzt, sondern stehen nur noch als Reserve zur Verfügung.

Sonderfahrten am 3. April

Anlässlich des Ausscheidens der letzten „U2“-Wagen aus dem Betrieb organisieren VGF und HSF am Sonntag, 3. April 2016, einen öffentlichen Pendelverkehr zum Mitfahren und Fotografieren. Mehrere aus Triebwagen des Typs „U2“ gebildete Züge werden zwischen 10 und 16 Uhr zunächst im 30-, später im 20-Minuten-Takt zwischen der Römerstadt und dem Bahnhof Oberursel pendeln. Der Fahrplan kann im Internet unter

www.hsf-ffm.de/u2-wagen-abschied

heruntergeladen werden. Die Fahrten sind öffentlich, Zu- und Ausstieg ist an allen Stationen entlang der Strecke möglich, Fahrgäste benötigen lediglich eine gültige RMV-Fahrkarte.

U2 305 nach Restaurierung-min

Historische Fahrzeuge

Vollständig aus Frankfurt verschwinden werden die „U2“-Wagen zum Glück nicht. Die VGF hat mit den Wagen 303, 304 und 305 die ersten drei Fahrzeuge des Typs „U2“ optisch in ihren rot-weißen Auslieferungszustand zurückversetzt und sie auch technisch überholt. Die rüstigen U-Bahn-Rentner wurden in den historischen Fuhrpark der VGF aufgenommen, zu dem schon fünf Straßenbahnen und ein Omnibus gehören. Die Wagen stehen für Anmietungen sowie Sonderfahrten zur Verfügung und werden somit auch weiterhin im Frankfurter Stadtbild zu sehen sein. Informationen zur Anmietung ihrer Fahrzeuge gibt die VGF unter der Telefonnummer 069 213 2 24 25.

Foto: Andreas Behrndt
Foto: Andreas Behrndt

Unser herzlicher Dank geht an Andreas Behrndt vom Verein Historische Straßenbahn Frankfurt e.V. (HSF), dessen Presse-Information zur Sonderfahrt am 3. April diesem Beitrag zu Grunde liegt.

 

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