Besuch der „alten Frankfurter“ – Teil 2: Kattowitz, Polen

Vor knapp zwei Jahren war ich im polnischen Posen unterwegs, um die alten Frankfurter Straßenbahnen der Typen „N“ und „O“ im dortigen Linienbetrieb anzuschauen. Dem letzten Satz in diesem Blogartikel „Unsere nächste Station lautet: Kattowitz! Dort gibt es nämlich unsere ehemaligen P-Wagen zu sehen!“ bin ich Anfang September letzten Jahres nachgekommen. Mit ein paar Kollegen der VGF sowie dem Kumpel, der auch in Posen mit dabei war, ging es für knappe vier Tage in das oberschlesische Industriegebiet. Dieses beinhaltet das Straßenbahnnetz der Stadt Kattowitz sowie der angrenzenden Großstädte in der Woiwodschaft Schlesien im Süden Polens. Dort fahren die ehemaligen VGF-Bahnen nämlich – teilweise bereits modernisiert – wieder im normalen Linienbetrieb.

Zunächst ein paar Facts zur Straßenbahn in Kattowitz:

Die am 27.05.1894 eröffnete Straßenbahn in Kattowitz und den umliegenden Städten wird von der sogenannten „Tramwaje Śląskie S.A.“ betrieben. Schaut man sich die größten Straßenbahnbetriebe der Welt an, findet man neben Millionenstädten wie Melbourne, Moskau oder auch Berlin an Platz 6 das Straßenbahnnetz in Oberschlesien sowie an Platz 1 in Polen selbst. Derzeit umfasst das Streckennetz stolze 200,6 km in Normalspur (1435 mm), auf welchem 31 Straßenbahnlinien ihren Dienst unter dem Stromsystem einer 600 V Oberleitung absolvieren und welches insgesamt 14 Städte, u.a. Gleiwitz (Gliwice), Beuthen (Bytom), Königshütte (Chorzów), Kattowitz (Katowice), Sosnowitz (Sosnowiec) und Bendzin (Bedzin), erschließt. Mit einem Fuhrpark von knapp 400 Fahrzeugen werden jährlich ca. 98,7 Millionen Fahrgäste bei einer Fahrleistung von gut 14 Millionen Kilometer pro Jahr befördert. Die Züge sind in fünf Betriebshöfen beheimatet.

Geschichtlicher Überblick

1894 wurde mit dem Bau einer dampfbetriebenen Überlandstraßenbahn von Gleiwitz nach Deutsch Piekar begonnen, die eine Streckenlänge von 36,5 Kilometern umfasste. Vier Jahre später wurde bereits eine Elektrifizierung dieser Bahn vorgenommen.
Von 1928 bis 1952 wurde die Umrüstung aller Strecken auf Normalspur abgeschlossen. Unterdessen zogen die übrigen der o.g. 14 Städte mit dem Bau einer eigenen Straßenbahn nach, so z.B. Sosnowitz im Jahre 1928.

Nachdem 1922 die Grenze zwischen dem Deutschen Reich und Polen neu festgelegt wurde, zerschnitt diese das Ballungsgebiet und damit auch das Straßenbahnnetz in einen deutschen West- und einen polnischen Ostteil. Die somit entstandenen grenzüberschreitenden Schienenverkehre wurden deshalb nach und nach eingestellt. Als nach der Annexion Polens die bis dahin polnischen Teile Oberschlesiens wieder im Deutschen Reich lagen (was bis 1939 geschah), sind nur noch wenige dieser Linien verblieben.

Während und insbesondere nach dem Zweiten Weltkrieg erlebte die Region einen Aufschwung, was das Zusammenlegen der einzelnen Straßenbahnnetze zu einem Gesamtnetz mit einem einheitlichen Betrieb zur Folge hatte. Das Nummernsystem, welches 1940 eingeführt wurde, besteht mit kleinen Änderungen bis heute.

Insbesondere in den 1970er Jahren begann ein verstärkter Ausbau des Netzes, welcher mit der Sanierung der wichtigen Altstrecken verbunden war; gleichzeitig wurden jedoch einige Teile dieser alten Strecken stillgelegt. Als zentrales Element der 1990er Jahre ist der Ausbau der Strecke von Bytom <> Kattowitz auf stadtbahnähnliches Niveau zu nennen. Bis heute ist das Streckennetz auf knapp über 200 km gewachsen.

Aktueller Fuhrpark

Das oberschlesische Industriegebiet besitzt einen sehr breit gefächerten Wagenpark, da die Stadt einerseits neue und moderne Züge besitzt, andererseits weil sie sehr deutlich älteres Rollmaterial – u.a. aus Deutschland und Österreich – aufgekauft hat.
Im Folgenden sind einige dieser Fahrzeugtypen zu sehen.

Highlight für Straßenbahninteressierte: In der Stadt Bytom verkehrt die Linie 38, welche eine 1,3 Kilometer lange eingleisige Stichstrecke befährt. Im 20-Minuten-Takt pendelt ein einzelner Kurs, welcher von Kriegsstraßenbahnwagen (aktuell noch zwei vorhanden), die 1949 und 1951 auch vom Hersteller „Konstal“ gebaut wurden, bedient wird:

 

Weitere Fahrzeugtypen im oberschlesischen Industriegebiet

Aber wie bereits eingangs und insbesondere in der Überschrift erwähnt: Der eigentliche Grund für unsere Reise war der Besuch der „alten Frankfurter“, die hier noch immer im Linienbetrieb unterwegs sind.
Wie im Blog-Artikel „Den VGF-Oldies neues Leben einhauchen“ erwähnt, erfüllen diese historischen Fahrzeuge unsere zeitgemäßen Anforderungen nicht (Stichwort Barrierefreiheit, keine Platzkapazität in den Betriebshöfen etc.), weswegen sie entweder an andere Verkehrsunternehmen verkauft oder schlicht verschrottet wurden. Neue, moderne und niederflurige Straßenbahnen zogen die Konsequenz der sukzessiven Ausmusterung der Altfahrzeuge mit sich.

Ab 2010 wurden aus der Frankfurter Fahrzeugflotte 17 der sogenannten „Pt(b)-Wagen“ (Einsatz im Straßenbahnnetz in Frankfurt von 1972 bis 2007 sowie nach Zurückbau von drei Fahrzeugen vom Typ „Ptb“ zu „Pt“ wieder seit 2013 insbesondere zur Verstärkung des Stadionverkehrs; Einsatz im Stadtbahnbereich bis Herbst 2016) nach Kattowitz verkauft (siehe u.a. Blog-Artikel: https://blog.vgf-ffm.de/fahrzeugverkauf/ und https://blog.vgf-ffm.de/der-alleskoenner-45-jahre-p-wagen-in-frankfurt/).

Um es zu präzisieren: Im Jahre 2010 wurden zwölf „Pt-Wagen“ nach Polen verkauft, davon zwei als Ersatzteilspender. Im Jahre 2012 folgten dann nochmals fünf „Ptb“.

Für den aktuellen dortigen Einsatz unserer Altfahrzeuge muss man zwei Kategorien unterscheiden: 1) Den Einsatz der fast unveränderten Fahrzeuge mit kleineren Anpassungen sowie 2) den Einsatz des komplett modernisierten P-Wagens.

Beschäftigen wir uns zunächst mit Kategorie 1: Dem Einsatz des „gewöhnlichen“ ehemaligen Frankfurter P-Wagens, welcher hier zunächst im Ganzen zu sehen ist:

Im Großen und Ganzen erkennt man, dass es sich um einen ehemaligen Frankfurter handelt. Auf den ersten Blick fällt auf, dass die sogenannte Scharfenbergkupplung entfernt sowie eine digitale Zielanzeige – anstelle des ehemaligen Rollbandes – eingebaut wurde.
Kleinere Feinheiten wie eine neue Außenspiegelform, neue Scheinwerfer und die relative große, an der Innenseite der Frontscheibe klebende Kursnummer sowie natürlich die offizielle Lackierung von Tramwaje Śląskie S.A. fallen bei genauerem Hinsehen auf, wenn man das Fahrzeug von außen begutachtet.

Aber auch im Fahrgastraum sowie in der Fahrerkabine wurden einige kleinere Änderungen vorgenommen:

Wie bereits erwähnt gibt es aber den ehemaligen Frankfurter P-Wagen auch noch in einer anderen Form (Kategorie 2) im Straßenbahnnetz des Oberschlesischen Industriegebietes zu sehen. Seit ungefähr einem Jahr ist ein großes Modernisierungsprogramm im Gange.
Während unseres Besuches hatten wir Glück, diesen „neuen“ P-Wagen zu Gesicht zu bekommen. Aktuell gibt es offenbar zwei Stück, welche aufwendig umgebaut wurden. Auch wenn er vielleicht auf den ersten Blick kaum bis gar nicht an einen originalen P-Wagen aus Frankfurt erinnert: Ja, Wagen 913 war tatsächlich mal Ptb 698:

 

Wagen 913 (ehemals Ptb 698) an der Endhaltestelle „Makoszowy Pętla“ der Linie 3.

Zunächst fällt die deutlich veränderte Front auf: Ein veränderter Wagenkasten mit einteiliger Frontscheibe und neuem Design. Wie auch der aus Kategorie 1 fahrende P-Wagen, hat dieser eine digitale Zielanzeige bekommen; darüber hinaus auch ein Kursschild in jener Form sowie LED-Blinker.
Der Stromabnehmer befindet sich nunmehr auf dem sogenannten A-Teil des Fahrzeugs, was die Tatsache des „Zurückbaus“ des P-Wagens in ein Einrichtungsfahrzeug begründet. Auch die Türen wurden komplett erneuert: Statt den ehemaligen Falttüren werden jetzt Außenschwenktüren verwendet. Wer auf dem Bild genau hinsieht, erkennt, dass sich jetzt auch im C-Teil (Mittelteil) eine Tür befindet. Dies hat den Hintergrund, dass dieses komplett barrierefrei ohne Stufen erreichbar ist und somit direkt zugänglich sein soll.
Ein Blick in den Innenraum lässt erkennen, dass sich dieser auf einem zeitgemäßen hohem technischen Niveau befindet: Digitale Fahrgastinformation, Kameraüberwachung sowie USB-Ladebuchsen an diversen Sitzgruppen rechtfertigen das technische Zeitalter.
Darüber hinaus ist festzuhalten, dass die ehemalige Simatic-Steuerung durch eine Chopper-Steuerung ersetzt wurde.

Im Folgenden befinden sich ein paar weitere Impressionen des Modernisierungsprogrammes:

Es lässt sich also insgesamt festhalten, dass Tramwaje Śląskie S.A. aufgrund des hohen Aufwandes offenbar starkes Interesse am weitergehenden Einsatz der alten Frankfurter hat. Auf Nachfrage sollen nämlich weitere Umbauten der aus Kategorie 1 beschriebenen P-Wagen folgen.

Sonstiges / Besonderheiten

Große Teile des Streckennetzes befinden sich einem katastrophalen Zustand. Eine solche Gleislage wäre in Deutschland aufgrund der Vorschriften undenkbar; in Polen ist dies hingegen (noch) Alltag. Es bleibt aber festzuhalten, dass im Nachbarland ein generelles groß angelegtes Modernisierungsprogramm der Infrastruktur des Schienenverkehrs läuft. Als Vorzeigebetrieb ist hier der „MPK Poznan“ aus Posen zu nennen.

 

Wie bereits erläutert: Zwei der verkauften „Pt’s“ – Fahrzeugnummern: 653 und 671 – dienen als Ersatzteilspender. Erstgenannter verwahrlost momentan im Betriebshof „PKM Katowice O/Zawodzie“ auf dem Abstellgleis. In diesem Depot sind übrigens alle ehemaligen Fahrzeuge aus der Mainmetropole beheimatet.

Am Endpunkt „Konstantynow Okrzei’“ der Linie 24 wenden die Züge über ein Gleisdreieck komplett ohne Fahrerstandswechsel. Hierzu sperrt ein weiterer Mitarbeiter aufgrund des fließenden Verkehrs mit Warnweste und akustischen Pfeifsignalen die Straße.


Fazit

Oberschlesien ist – insbesondere für Interessierte der Straßenbahn – definitiv eine Reise wert. Von Frankfurt am Main fliegt man eine gute Stunde bis Kattowitz Airport. Mit dem Taxi ist man in einer halben Stunde direkt in der Innenstadt.

Abgesehen vom Schienenverkehr bietet die Stadt tolle Möglichkeiten für Touristen, da man in zahlreichen Museen viel über die historischen Ereignisse – insbesondere über den 2. Weltkrieges – erfahren kann.
Darüber hinaus befindet sich das Konzentrationslager Auschwitz (-Birkenau) unweit der Stadt. Mit einer Art S-Bahn ist man in einer guten Stunde nach „Oświęcim“ gefahren; von dort aus das staatliche Museum „KZ Auschwitz“ fußläufig erreichbar.

Wer allerdings ausschließlich wegen den Ex-Frankfurtern in der oben genannten Kategorie 1 ins Nachbarland reisen sollte, der sollte sich nicht mehr allzu lange Zeit lassen, da die Fahrzeuge vermutlich schon sehr bald alle modernisiert und somit wie in Kategorie 2 gezeigt aussehen sollen.

 

Zum Abschluss noch ein idyllisches Foto von einem ehemaligen „Alleskönner“ aus Frankfurt: Pt-Wagen 907 (ehemals 675) an der Endhaltestelle „Zaborze Pętla“ der Linie 5:

 

Über den Autor:

Sascha Gerbl, 20 Jahre alt, ist frisch ausgelernter Kaufmann für Verkehrsservice bei den Stadtwerken Frankfurt am Main und ist nun in der Betriebsplanung bei der VGF tätig. Schon seit Kindergartenalter interessiert er sich für den Schienenverkehr, insbesondere für die Straßen- und U-Bahnen der VGF. Den Verkauf der alten Straßenbahnen aus seiner Heimatstadt nahm er zum Anlass, einmal selbst in deren neue Heimat zu reisen.

 

 

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1 Kommentar

  1. Super Sascha!!! Man erkennt die Wagen gar nicht wieder! Dein Elías

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